Die geschichtliche Entwicklung des Schulwesens in Nordfriesland. 273
Das friesische Volk und somit auch das nordfriesische wohnte, soweit geschicht
liche Kunde zurückreicht, am Saume des Meeres. Der Name der Frieseu mag
daher am richtigsten von Fries oder Freso abgeleitet werden; wenigstens stimmen
darin die hervorragendsten Schriftsteller, welche das Frieseuvolk zum Gegenstaude
ihrer Erörterungen machten, überein. Als Anwohner des Meeres aber waren
die Friesen von Natur dazu berufen, die schäumende Woge kühn zu durchschiffen
oder derselben mit dem Spaten in der Hand Land zum Ackerbau und zur Vieh
weide abzugewinnen. So brachten es die Verhältnisse des Landes mit, daß sich
verhältnismäßig früh im Nordfrieslande Volksgemeinden bildeten, die sich durch
ihre einzelfreien Verfassungen, durch ihren hohen Mut, ihren kecken Trotz, durch
ihr hartnäckiges Bestehen auf altererbtem Recht und durch ihren glühenden Frei
heitsstolz vor denen anderer deutscher Volksstämme auszeichneten. Hat doch in
unseren Tagen die Sage an Wahrscheinlichkeit gewonnen, daß die freien Männer
von Schwyz von friesischen Küsten in die Waldstätte eingewandert und einst die
Gründer der Eidgenossenschaft geworden seien, indem sie sich mit gleichgesinnten
Landsleuten zu dem Schwur verbanden:
„Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr!"
Die Seefahrt macht den Körper gewandt und macht den Sinn fest und
stark. Mit Sturm und Ungewitteru kämpfte auch der uordsriesische Seemann;
seine Fassung aber und seine Entschlossenheit verlor er nicht. So wurde sein
Gesichtskreis frei und weit. Mit zwingender Notwendigkeit mußten die Land
bebauer Hand aus Werk legen, ihre Erdschollen vor Überschwemmungen zu schützen;
zunächst freilich war man nur noch bedacht, die eigne Habe schützend, auf Werft-
und Wurtenbauten die gemeinsame Thätigkeit zu beschränken. Später zog mau
die goldenen Ringe der Deiche um das gemeinsame Besitztum. So erwuchs in
gemeinsamer Thätigkeit die Liebe zu dem heimatlichen, teuer erkauften Grund und
Boden. Freilich läßt sich ein bestimmter Zeitpunkt, wann das nordfriesische Volk
gleichzeitig mit der Begründung festeren Gemeinwesens edlere Bildung gewann,
nicht feststellen; soviel steht aber fest, daß der Anblick des ewig aufbrausenden und
doch sich wieder beruhigenden Nordmeeres dem Friesengeiste eine tiefe Sicherheit
und eine gründliche Klarheit verlieh, sodaß wie Professor Michelsen schreibt:
„Reiche Kenntnis der Mathematik — die ausgezeichnetsten mathematischen Köpfe
und Genies in der höheren Mechanik unter den nord-, oft- und westfriesischen
Landleuten" von jeher eine gewöhnliche Erscheinung gewesen sind. Die Vor
bereitung in der Seefahrtskunde, der Deichbau, die häufig erforderlichen Land
messungen führten dazu.
Durch vorstehende Ausführungen habe ich gezeigt, daß bei den Nordfriesen
frühzeitig ein Drang nach Kenntnissen, ein Bedürfnis, dieselben sich anzueignen,
vorhanden war. „Self wat, wo moy is bat" war bei ihnen Richtschnur ihres
Thuns. Namentlich fand dieser Satz nach Einführung der Reformation, die
1522—1526 bewirkt wurde — auch auf das friesische Schulwesen Anwendung:
Schreibt doch der Prediger Heimreich auf Nordstraudisch-Moor über den Zustand
des derzeitigen Schulwesens folgendes: „Obwohl aber die Nordstrandinger sich
ohne der von den Küstern an jeder Kirche geschehenen Information sonderlicher
Schulen (welche die rechte Phyteytaria und Pflanzgarten der Kirche sein) nicht
können rühmen, so haben doch die Landleute sich mehrmalen bemüht, daß drey

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