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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
freye Schulen als zu Gaickebül, Königsbül und Morsum möchte» eingerichtet
werden." Es geht offenbar daraus hervor, daß die erwähnte» Küsterschulen,
welche unter Aufsicht der Pröpste und Kirchenvisitatoren standen, den Friesen nicht
genügten. „Jedoch seyn die Schulen bey den Kirchen also bestellet worden, daß
darin die Meisten ihre Kinder im Lesen und Schreiben unterwiesen, und ihnen
den Katechismum Lutheri erlernen, auch im Rechnen anweisen, und auch wohl ihr
Fundament in der lateinischen Sprache lasten legen;" schreibt er weiter und fährt
dann fort, „daß viele der Fürnehmsten ihre Kinder an fremden Oerlern zur
Schule gehalten, die auch einesteils auf Partikulairschulen und Universitäten ihren
Studiis mit solchem Fleiß obgelegen, daß sie ihrem Vaterlande rühmlich und
nützlich sein und demselben in den Kirchen und weltlichen Regimente heilsam dienen
können. Daher denn dieselben nicht allein das Reformationswcrk merklich haben
befördert, sondern auch bei H. Johannis Petrei Zeiten (lebte um 1565 als Pastor
zu Odenbull), vierzehn Landeskinder im Ministerio gewesen." Die Schulen der
Nordfriesen entstanden als freie Volksinstitute, die im 17. Jahrhundert und im
Anfange des 18. Jahrhundert, ohne daß man sich behördlicherseits viel darum
kümmerte, vom Interesse des Volkes getragen eine gedeihliche Entwicklung zeigten.
Freilich eigene Schulhäuser gab es nicht, und pädagogisch vorgebildete Lehrer gab
es auch nicht in dieser Zeit. Die Weisesten und Besten des Volkes, alte er
fahrungsreiche Männer, die im Sommer zur See gingen, sammelten in den
kurzen Wintertagen und langen Winterabenden anfänglich die männliche Jugend
und die unerfahrenen Seeleute um sich und erteilten Unterricht. Wenn die Wohn
stube als Unterrichtslokal zu klein wurde, mußte im größeren aber kälteren Pesel
unterrichtet werden. Die Schüler saßen auf Kisten und Bänken, der Meister
aber an dem oberen Ende oder Platze der Stube. Für seine Mühe bekam der
selbe von jedem lesenden Schüler in der Woche 1 Schilling, von jedem im Lesen
und Schreiben zugleich unterrichteten l 1 ^ und von jedem zugleich rechnenden
Schüler 2 Schillinge Honorar. Vor 1672 erhielt ein Schullehrer auf Föhr
beispielsweise von November bis Neujahr 1 Brot und 1 Licht für jedes Kind/)
von Neujahr bis Petritag für jedes rechnende Kind 2 Scheffel und für jedes
andere einen Scheffel Gerste. Später brachte auch hier jedes rechnende Kind
2 Schillinge, jedes andere 1 Schilling die Woche mit. Für die Unterweisung der
weiblichen Jugend wurde noch im 18. Jahrhundert wenig gethan. Sie lernte
selten mehr als Lesen, Beten, den Katechismus aufsagen und den eigenen Namen
schreiben. Gegenteils gab es, wenigstens auf Sylt, für die weibliche Jugend eine
Art Abendschulen, in denen unter Anleitung älterer Frauen namentlich das Stricken
der Wolle geübt wurde, sodaß die Sylterinnen schon früh eine bedeutende Fertig
keit im Anfertigen gestrickter Kleidungsstücke, die sie mit angestrickten Verzierungen
schmückten, erreichten. Nebenher drehten die Bewohnerinnen der Dünendörfer
Stricke aus Dünenhalm. — Um aber die Arbeit mit guten Reden zu begleiten,
pflegten sie im stillen Kreise das Erzählen ihrer Sagen und Geschichten alter Zeit,
die von Hexen und Spukgestalten wimmelten. Ihre Abendschulen waren also
gleichzeitig die Pflanzstätten eines mittelalterlichen Aberglaubens. Was sie aber
Gutes wirkten, war dies, die weibliche Jugend wurde früh daran gewöhnt, fleißig
und arbeitsam zu sein. Anders gestaltete sich der Unterricht in einer Schule für
*) Korn und Licht werden in Boldiaum noch nach dieser Norm abgeschätzt und
berechnet.

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