Die geschichtliche Entwicklung des Schulwesens in Nordfriesland. 275
die männliche Jugend, in der auch Erwachsene zu Füßen der Lehrer saßen. Auch
hier wechselten launige Geschichten mit Gegenständen anderer Art. Hier aber
waren es Abenteuer und seemännische Fahrten, von denen erzählt wurde; zum
Teil waren dieselben bereits von einzelnen Zuhörern oder vom Erzähler miterlebt.
Da buchstabierten und lasen die jüngeren Knaben, geleitet und beaufsichtigt von
den älteren, die nebenher sich selbst weiter bildeten; da saßen nicht selten Vater
und Sohn nebeneinander auf der Schulbank: Der eine war bemüht, die Geheim
nisse der Lesekunst zu erfahren, der andere, die Figuren, Distanzen und Course
zu berechnen und zu messen, die ihm als Steuermann oder Führer eines Schiffes
in späterer Zeit von Nutzen werden sollten. Auf unserer Insel gab zu solchem
Unterricht ein wackerer Prediger, stftchardus Petri, von 1620 bis 1678 Haupt-
pastor an der St. Laurentiikirche, Anleitung und Anweisung. Aus Dagebüll ge
bürtig, also aus friesischem Lande, unterrichtete er seine Landsleute in den Navi
gationswissenschaften unentgeltlich mit der ausdrücklichen Bedingung, daß auch sie
später ihren Landsleuten ähnlichen Dienst erweisen sollten.
„Die Hilfsbücher dieser altfriesischen Schulmeister waren holländische und
deutsche; ihr Unterricht wurde gewöhnlich in der friesischen oder plattdeutschen
Sprache erteilt, ihre Vorträge waren nach seemännischer Weise kurz und bündig,
manchmal drollig; ihre Schulzucht war strenge, ihre Manieren ziemlich un
geschliffen, ihre Lebensweise höchst einfach und frugal. Die Rechenkunde wurde
als Hauptsache angesehen, war von jeher nicht bloß eine notwendige, sondern eine
Lieblingswissenschaft der Friesen und namentlich der seefahrenden Friesen; es wurde
derselben in den Schulen, die bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts dort in der
Regel Privatanstalten blieben, daher am meisten Zeit und Sorgfalt gewidmet
und es haben sich seit Petris Zeiten viele seefahrende Jnselfriesen als Mathe
matiker und Navigateure ausgezeichnet. Die Schreibekunst galt mehr als eine
Nebensache bei den Friesen, sodaß erst um 1700 die alten Runen und Haus
marken/) deren man sich statt der Namensunterschrift in Kaufbriefen und andern
Dokumenten bediente sich verloren." Der Religionsunterricht war den Predigern
an den Kirchen und den Küstern an den Küsterschulen seit 1590 überlassen, da
sowohl „Binnen-Teichs als auf den Halligen der Katechismus alle Sonn- und
Festtage auf den Nachmittag sollte gepredigt werden;" zur Winterzeit auch Mitt
wochs und Freitags.
Nach Nerongs Angabe wurde 1739 vom Könige Christian VI. eine In
struktion betreffend Schulwesen erlassen. Hauptsächlich wird darin verlangt, daß
die Kinder in Religion unterrichtet werden sollen, dann, daß das Lesen in Büchern
gepflegt werden solle; dem Wunsche der Eltern wurde anheimgestellt, ob auch im
Rechnen und Schreiben Unterricht zu geben sei. Den Küstern wird darin eine
jährliche Zulage von 6 Thalern zugesichert, den Schulhaltern dagegen vorgehalten,
daß sie mit 12 Thalern Lohn, 5 Tonnen Roggen und 7 Tonnen Gerste zu
frieden sein sollen. 2 Kühe und 6 Schafe wie auch Brennholz werden ihnen
neben den Schulschillingen versprochen. Daß aber mit dieser Verordnung ein
Schlag ins Wasser gethan war, daß sie ein Gesetz ohne Ausführung war, zeigen
folgende Fragen, die ich aus mehreren heraushebe, die 1744 vom Visitatorio in
Tondern gestellt wurden.
,9 Vergleiche Chr. Imsen, die nordfriesischen Inseln Sylt, Föhr, Amrum und die
Halligen vormals und jetzt. Hamburg 1891 an mehreren Stellen.
9 Bezieht sich auf das Kirchspiel Keitum auf Sylt.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.