Die geschichtliche Entwicklung des Schulwesens in Nordfriesland. 277
die den mit mehr oder minder großer Heftigkeit geführten Kampf zwischen Be
hörde und Schulkommune bis 1860 und gar bis zu den Zeiten des preußischen
Kultusministers Dr. Falk, der das Einkommen der Lehrer matrikelmäßig festsetzen
ließ, fortbestehen macht. Die Regierung begnügte sich gewöhnlich damit, die Lässig
keit der Kommunen bei Durchführung der erlassenen Verordnungen durch neue
und schärfere Bestimmungen zu rügen. Sie erließ in der wohlwollendsten Absicht
für Schule und Lehrer z. B. 1761, 1765, 1804, 1814, 1844 rc. Ver
fügungen, kümmerte sich aber wenig darum, ob dieselben überall eingeführt und
befolgt wurden. Ihre Behörden, wie die Vertreter des Volkes, waren nur zu
oft nachlässig, ja die letzteren sogar nicht selten widerspenstig gegen die wohl
gemeinten Ratschläge der Regierung. Das Volk selbst aber war mißtrauisch gegen
alles, was ihm befohlen wurde — und focht, da es von den Vertretern um
seine Meinung gefragt wurde, gegen alles, was mit Kosten verbunden war. So
kam es, daß zum großen Schaden der Schule und der Lehrer die Einführung so
mancher wohlthätigen und notwendigen Einrichtung zum Besten des Schulwesens
in den friesischen Gegenden sich so lange verzögern konnte. Für die armen Lehrer
entstand ein Zustand, welcher an Gesetzlosigkeit grenzte. Durch das Gesetz waren
ihnen freilich schöne Verheißungen gegeben, deren Ausführung aber unterblieb.
..Allein man muß, so sagt C. P. Hausen (der Sylter Friese S. 166), auch nicht
ungerechterweise dem ganzen Jnselvolke zur Last legen, was doch hauptsächlich
in dessen Kurzsichtigkeit und Mißleitung liegt, oft in der Regiersucht und dem
Geize, vielleicht gar nur in dem persönlichen Haß und Neide einzelner Volksführer
und Verführer gegen die Schule oder den Lehrer zu suchen ist, oder endlich begründet
ist in der falschen Stellung der Schule, die weder eine rein geistliche noch rein
weltliche Anstalt geworden, aber gleichwohl dem Staate wie der Kirche dienen
muß, und doch hauptsächlich als Kommunalsache betrachtet wird, der Kommune
besonders nützt und nützen soll, also auch der Kommune und deren Vertreter
oder den sonstigen Ton angebenden Dorftyrannen ganz besonders unterthänig sein
muß, eben weil die Kommune die zur Schule und an den Lehrer steuernde Person
ist. Die Lehrer haben durch diese dreifach uuterthänige Stellung ein Über
maß an Pflichten und Hindernissen, eine Summe von Mißverhältnissen gewonnen,
unter welchen sie seufzen und verderben müssen. Wenn die Staats- oder die
Kirchenbehörden als Oberschulbehörden Befehle erteilen, so müssen die Schule und
der Lehrer gehorchen; aber die Kommune und die Kommunebehörden protestieren
dann, oder umgehen und verschleppen die Ausführung der Befehle: so geraten
Schule und Lehrer zwischen zwei Feuer und sind stets leidend dabei. Es sind
die verwirklichten Rechte der Lehrer oft in dem Grade klein, wie deren Pflichten
und Hindernisse groß sind. So lange das Schulehalten ein Privatgeschäft war,
genoß der Lehrer Freiheiten und Rechte wie jeder andere Eingesessene, und der
Lehrerstand war ein Ehrenstand. Als das Schulwesen aber eine Kommunalsache
wurde, nahmen die Pflichten der Lehrer zu, aber ihre Rechte und Freiheiten in
Wahrheit ab. Der Lehrer wurde nicht als Kommunalbeamter, sondern als
Kommunediener angesehen und behandelt, sowie die Schule vielerorts nicht als
die Tochter, sondern als die Magd der Kirche gilt. —- Die Lehrer machten nach
1761 wiederholt die Erfahrung, daß sie und ihre Stellung nicht eigentlich von
den Gesetzen und der Regierung, sondern von den Launen und der Willkür der
Prediger und der Kommunen noch abhängig wären, fühlten sich unwürdig und
rechtlos gestellt und verzagten vielfältig. Das ist die Not der Schule und Lehrer

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