278 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
auf Sylt." So klagt ein Lehrer am Schlüsse jener Übergangsperiode, die wir
oben kennzeichneten. Unter dem Eindruck dieser Klage stehend, legte er 1860
sein Schulamt nieder, sich selbst als Opfer dieser Mißverhältnisse hinstellend;
wobei er selbstredend eine ganze Reihe von Männern der friesischen Lande nennt,
die infolge schwerer Kränkungen frühzeitig ins Grab sanken. Trotz alledem
leisteten die nordfriesischen Schulen in der Übergangszeit von 1761 bis 1860
Tüchtiges. Friesische Jünglinge frequentierten zahlreich das in Tondern neu ein
gerichtete Seminar und wurden in ihrer Heimat als Jugendlehrer angestellt. In
den neuen Schulen wurde nicht bloß Religion, Lesen, Rechnen und Schreiben ge
lehrt, sondern auch Unterricht im Deutschen, in Orthographie und Grammatik,
erteilt; daneben wurden auch andere gemeinnützige Gegenstände, als Geographie,
Geschichte und Naturlehre getrieben. Als eine gute Frucht solchen Unterrichts
kann man mit Recht die erwachende Leselust bezeichnen. Volksbibliotheken, deutsche
Bücher enthaltend, wurden angelegt; Lesevereine und Lesezirkel begründet; sodaß
schwerlich in irgend einem Teile Deutschlands eine Landschaft gefunden werden
dürfte, die hinsichtlich ihres Umfanges und ihrer Einwohnerzahl Nordsriesland
gleichkäme, in welcher unter dem Volke mehr Bildung und mehr Sinn für Wissen
und Können auf geistigem Gebiete anzutreffen wäre als unter den Nordfriesen.
Nicht wenige einfache Nordfriesen waren und sind in den deutschen Klassikern
wohl bewandert. In manchen Teilen Nordfrieslands wurden bereits in den vier
ziger Jahren dieses Jahrhunderts Schülerbibliotheken eingerichtet.
Die Zeiten, in denen das schlechteste Gebäude im Dorfe mehr als gut genug
war für eine Schule, gingen in dieser Periode zu Ende; es wurden fast überall
im Frieslande eigene Schulhäuser erbaut, und endlich Miene gemacht auch die
Bestimmungen der „Allgemeinen Schulordnung" überall durchzuführen, damit
endlich auch die Lehrer den lauge vorenthaltenen kargen Lohn erhalten sollten.
Sprachwirren und politische Umtriebe beeinträchtigten noch ein halbes Jahrzehnt
lang die nur als Werk des Friedens gedeihende Schularbeit. Da hatte auch
Nordfriesland eine deutsche Volksschule im staatlich deutschen Land. Die Zeit
strömung hatte es mit sich gebracht, daß die Schule bis dahin mehr Rücksicht
nehmen konnte auf die Dinge, welche das Kind später praktisch verwerten sollte.
Der Nordfriese mußte als Seefahrer und landwirtschaftlich thätiger Deich-Erbauer
und -Unterhalter besonders rechnen lernen und es wurde daher bis zum Erlaß
der allgemeinen Bestimmungen in den friesischen Volksschulen der größte Teil des
Tages zum Rechnen verwendet. Aus diesem Grunde eben werden nicht selten
die Leistungen der Schulen vor 1870 als höher bezeichnet als die der gegen
wärtigen. Sei dem wie ihm wolle, das Dichterwort gilt dennoch:
„Das ist der Schule höchstes Ziel:
Jedwede Kraft macht sie mobil;
Sie haucht den zarten Kindelein
Des Geistes Lebensodem ein.
Das soll es sein!
Das, wackrer Lehrer, nenne dein!
Das ist der Schule höchstes Ziel:
Den Geist führt sie aus dem Exil:
Sie macht den Willen frei und stark
Und nährt das Herz mit Himmelsmark.
Das soll es sein.
Das, wackrer Lehrer, nenne dein!

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