Etwas von „körperlicher und werkthätiger Erziehung." 281
Gesichtspunkt aus" folgendermaßen: „Meine Herren, die Uniformität in der Er
ziehung liegt ja in ihren Ursachen im wesentlichen darin, daß wir noch immer
die formale Geistesbildung mehr oder minder in den Vordergrund stellen und
die Erziehung und Vorbildung für das eigentliche Leben noch mehr oder
minder zurücktreten lassen. (Sehr richtig!*) Aber zu diesem Jndividualprincip,
das in der heutigen Schule in dem Vordergründe steht, tritt mehr und mehr
jetzt das sociale Princip des Lebens in der Gemeinsamkeit hinzu, denn das Indi
viduum ist für sich nichts, sondern es lebt in der Gemeinschaft als ein Glied
der Familie, des Staates oder der Religionsgemeinschaft; hierin wurzelt auch sein
ganzes Gefühlsleben, sein ganzes Denken und Wollen, ja selbst seine höchsten
Tugenden in religiöser und sittlicher Hinsicht werden nur durch das Leben in der
Gemeinsamkeit geweckt und können sich fruchtbringend entfalten. Daher muß das
Kind, dem kindlichen Verständnis entsprechend, auch mit den Grundzügeu der Ent
wicklung des öffentlichen Lebens bekannt gemacht, es muß in ihm auch ein ge
wisses Verständnis für die Aufgaben des Lebens wachgerufen werden."
Daß sich Herr v. Schenckendorff mit diesen Gedanken nicht mit Unrecht auf
Dörpfeld beruft, ist gewiß. Ob aber die Anwendung, die er von diesem socialen
Princip der Pädagogik macht, Dörpfelds Billigung durchaus gesunden hätten, er
scheint uns fraglich. Das Bestreben, einer lediglich „formalen Geistesbildung"
den inhaltlich wertvollen und zwar für das ganze Leben bleibend wertvollen
Sachunterricht als das Richtige gegenüberzustellen, hat unsere volle Sympathie.
Nur muß man nicht aus der Scylla des Formalismus und Intellektualismus in
die Charybdis des Utilitarismus fallen, der den Wert allen Unterrichts und Lehr
stoffs nach seiner unmittelbaren Anwendbarkeit im Erwerbsleben bemißt. Auch
durch die humansten und edelmütigsten „Bewegungen" dürfen wir uns nicht den
Charakter unserer Schule als Erziehungsschule verrücken, wir dürfen um keinen
Preis eine „Fachschule" daraus machen lassen. Diese Gefahr scheinen mir die
Bestrebungen des Herrn v. Schenckendorff nicht ganz zu vermeiden.
Die allgemeinen hygienischen und volkspädagogischen Gründe, die der verehrte Phil
anthrop für den Turnbetrieb und die Jugend- uuö Volksspiele ins Feld führt, machen
wir natürlich völlig zu den unsern. Dagegen sind uns die Andeutungen über
die Notwendigkeit einer „wirtschaftlichen Erziehung", welche den Hand-
fertigkeitsuuterricht bedingen sollen, schon weniger einleuchtend und vollends die
Einrichtung der Haushaltungskunde oder des Kochunterrichts wird päda
gogisch schwerlich ebenso allgemein zu begründen sein wie der bisherige Hand
arbeitsunterricht der Mädchen, wie Herr v. Schenckendorff meint. Natürlich wird
damit nicht bestritten, daß für den Handfertigkeitsunterricht rein pädagogische
Gründe aufzustellen fiiiti; * 2 ) für diesen liegen die Erwägungen in der That auf
derselben Linie wie für den Handarbeitsunterricht der Mädchen, denn es ist ja
klar, daß die Übung der Hand oder die Erziehung zu körperlicher Arbeit, wie
1) Beifall aus dem Abgeordnetenhause!
2 ) Als solchen allgemeinen pädagogischen Grund für den Handfertigkeitsunter
richt könnte man den Satz Friedrich Paulsens hinstellen (Einleitung in die Philosophie
S. 424): „Wer nicht als Kind mit den Dingen . . . handgemein gewor
den ist, der lernt sie in seinem Leben nicht kennen, und wenn er alle
Buchweisheit der Welt in seinem Kopfe versammelte."
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