282
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
auch Herr v. Scheuckendorff schließlich andeutet, zur Bildung des ganzen Men
schen notwendig gehört. Aber wenn Herr v. Scheuckendorff eben diese Begründung
noch nachträglich einschiebt mit einem: „Aber ein solcher Unterricht ist auch ein
Segen für den Knaben selbst," so zeigt er eben mit diesem „auch", daß er mit
seinen Erwägungen zur Reform der Schulerziehungen nicht ganz aus der richtigen
Fährte ist. Er will doch diesen Unterricht im Grunde uni des Nutzens willen,
den er für das wirtschaftliche Fortkommen des Schülers verspricht, „analog den
Einrichtungen für die Haushaltungskunde". Wenn wir aber diese „Erziehung zur
körperlichen Arbeit" nicht in innere Beziehung zu dem Betrieb der geistigen Arbeit
zu bringen vermögen, so steht es mit der Begründung dieser ganzen Reform
schwach. Daß z. B. für den mathematisch-physikalisch-astronomischen Unterricht die
Modelle womöglich von dem Schüler selbst angefertigt werden und daß dazu
Unterweisung in Papp- und Holzarbeiten erforderlich ist, wird leicht deutlich zu
machen sein. Aber warum ohne solche inneren Gründe die Papp- und Hobel
bankarbeit im Leipziger Seminar bevorzugt werden und nicht daneben auch Schuh
macherei oder Bürstenbinderei, wie der bekannte dänische Rittmeister Klauson Kaas
dies einführte, betrieben werden sollte, ist nicht abzusehen. Oder sollten die
Schüler allgemein so erzogen werden, daß sie ihre Neigung und Leistungsfähigkeit
einer kleinen Gruppe von (edleren?) Handwerken zuwenden, um die übrigen später
umsomehr zu vernachlässigeu? Hier thut also die pädagogisch-principielle Be
gründung durchaus not, und die wohlgemeinte Unklarheit einer „wirtschaftlichen
Erziehung" kann die an sich vortrefflichen, auf die Inanspruchnahme des „ganzen
Menschen" gerichteten Bestrebungen eher diskreditieren als fördern. Die Er
ziehung darf nun und nimmermehr zu einer Dressur für die Rolle herabsiuken,
die der Zögling später in der Gesellschaft spielen soll.
Unterzeichneter hat viele Jahre hindurch in einer großen Erziehungsanstalt
und danu im Auslande die erziehliche Bedeutung und Wirkung der körperlichen
Übungen und des Handfertigkeitsunterrichts zu beobachten Gelegenheit gehabt und
weiß, daß diese Bedeutung kaum hoch genug geschätzt werden kann. Ich bedaure
es besonders, daß an so reiche Gelegenheiten zu derartigen Beschäftigungen, wie
man sie in Finland und Skandinavien hat, bei uns auch in größeren Städten
noch gar nicht gedacht werden kann. Dort ist der Handfertigkeitsunterricht nicht
nur fast allgemein in den Stundenplan der Schulen aufgenommen, sondern die
Kinder können außerdem noch in privaten „Slöjdschulen" für billiges Geld (etwa
15—20 Psg. die Stunde) sich mit diesen nützlichen und bildenden Arbeiten be
schäftigen und thun das fast überall mit großem Eifer und Interesse. Hier dagegen
kennt man dergleichen noch so wenig, daß träge Gymnasiasten eine Anregung zu der
artigen Arbeiten für eine unerhörte Zumutung und Freiheitsbeschränkung ansehen.
Daß aber auch darin noch viel geschehen kann, zeigt die wirklich großartige Be
wegung für Volks- und Jugendspiele, auch unter Leitung Herrn v. Schenckendorffs.
„Der Centralausschuß zur Förderung der Jugend- und Volks
spiele in Deutschland" hat sein viertes Jahrbuch herausgegeben, einen statt
lichen Band von 334 Seiten, den man mit Vergnügen durchblättert, staunend
über die Fülle des Materials, das darin zusammengetragen ist, und über die
Ausdehnung und Stärke, die diese Bewegung nach so kurzer Zeit bereits ge
wonnen hat. Wir könnten fast wehmütig sagen: Glückliche Jugend, der jetzt so

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.