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I. Abteilung. Abhandlungen.
rufliche Stellung des Lehrers ist nicht wenig bedingt durch die Haltung der
näheren Kollegen, durch das Ansehen, das sein Stand überhaupt genießt; der
esprit de corps macht sich geltend, auch wo man sich dessen kaum bewußt wird.
Ist es schon für jeden ein mißlich Ding, die Zusammenhänge zu übersehen,
in die er durch seine berufliche Stellung gesetzt wird, so ist dies doppelt der Fall
bei den Gliedern eines Standes, der den Eintretenden schon durch die bloße Zu
gehörigkeit zu ihm eine nach verschiedenen Seiten hin bestimmte Stellung anweist,
und der es dem Einzelnen schwer, ja oft unmöglich macht, die ihm so zugewiesene
Stellung, wo sie ihm bequem ist, zu ändern oder wesentlich zu bessern.
Wie es für jeden Lehrer specielle Fragen und Ausgaben giebt, die sein
specieller Berusskreis mit sich bringt, so giebt es auch Anliegen des Lehrerstandes,
denen sich kein Glied entziehen darf, wenn es seine Pflicht sowohl gegen die
Amtsgenossen und die Volksschule als solche, wie auch gegen seinen engsten Be
rufskreis erfüllen will. Von solchen Standesauliegen soll die Rede sein.
Das Thema nennt weiter Anforderungen von Zeitv erhält»issen. Man
hat oft Gelegenheit, sich des alten Ansspruchs zu erinnern: Es giebt nichts
Neues unter der Sonne. Der Verherrlichung der guten alten Zeit, den Klagen
über die Verderbtheit der heutigen Jugend und überhaupt des Volkes, den be
haupteten Neu-Entdeckungen aus religiösem und sittlichem Gebiete und manchem
andern gegenüber hat diese Erinnerung ihr gutes Recht. Wohl hat die jahr
hundertealte Linde einen andern Habitus als der schwache Setzling, aber die
Zweige sind nur Wiederholungen der Äste, diese des Stammes, und schon in dem
Samen war im wesentlichen der mächtige Baum beschlossen. Der Magus des
Nordens, Hamann, erkannte an der Sünde Kains sein eignes Verderben; der
unter patriarchalisch einfachen Verhältnissen lebende Abraham ist noch immer der
Vater der Gläubigen, und Goethe sah in der alten Bibel das Musterbildungsbuch
aller Völker und Zeiten.
Und doch giebt es eine Entwicklung der menschlichen Dinge; für den Ein
zelnen, für die Völker wie für die Stände handelt es sich darum, daß sie ihre
Zeit verstehen, auf die Zeichen der Zeit achten. Friedrich Wilhelm IV. nannte
einst unsere brandenburgisch-preußische Geschichte eine Geschichte sonder gleichen.
Nicht minder ist es die Geschichte Israels. Der Nomadenzeit folgte in Ägypten
die Zeit des Heranwachsens zu einem starken, seßhaften Volk, die Heimkehr ins
Vaterland, die Zeit der Richter, der Könige, des Exils, die zweite kurze Heim
kehr und die Erfüllung der alten Hoffnung; und wie die äußeren Verhältnisse
sich immer weiter entwickelten, so wollten auch die alten religiös-sittlichen Lebens
gesetze nicht nur auf neue Verhältnisse angewandt, sondern auch entsprechend ver
tieft und weitergebildet werden. Da gab es Zeiten, wo der Seher bitten konnte,
der Herr möge ewiglich einen Sinn, wie den zu seiner Zeit, im Herzen seines
Volkes erhalten, und andere, wo er klagte: „Ein Storch unter dem Himmel

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