Anforderungen der Zeitverhaltnisse an den Volksschullehrerstand. 287
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weiß seine Zeit; eine Turteltaube, eine Schwalbe und ein Kranich halten ihre
Zeit, wenn sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn
nicht wissen."
Wie viel Leid hätte Israel sich ersparen, wie manchen Weg kürzer, freuden-
und segensreicher sich gestalten können, wenn es geachtet hätte auf die Zeichen der
Zeit. Als die Kundschafter Bericht erstatteten über das, was sie in Kanaan
gesehen, da stand Israel vor der Entscheidung, ob es solle einziehen in das Land
der Verheißung, oder ob das zur Zeit bestimmende Geschlecht verderben solle in
der Wüste. Moses hatte schon Morgenluft gespürt, als er seine Wahl traf zwi
schen den Schätzen Ägyptens und den Verheißungen Jehovahs, aber sein Volk
hatte auch die deutlichsten Zeichen der Hand Gottes nicht beachtet; darum konnte
es sich nicht erheben zu dem Vertrauen von Josua und Caleb, und trotz deren
ernster Mahnung bestand es die Probe nicht. Erst ein neues Geschlecht kam in
das verheißene Land.
Wie die Geschichte Israels reich ist an Entwicklungspunkten, wo auch das
blöde Auge schon erkennt, daß es sich hier entscheiden mußte, ob es mit dem
Volke hinauf oder hinab gehen werde, so fehlen diese Punkte auch in dem Leben
der einzelnen und der Geschichte anderer Völker nicht. Napoleon ließ unsern
Freiherrn von Stein wählen zwischen dem ruhigen Besitz seiner Güter und der
unentwegten Bethätigung seiner Vaterlandsliebe. Was wäre aus Stein geworden,
wenn er eine andere Wahl getroffen und nicht den Plunder hinter sich geworfen
hätte? Was wäre aus Preußen geworden, wenn es nicht 1813, 1866 und
1870 alles daran gesetzt hätte, des Vaterlandes Ehre zu gewinnen, zu festigen,
mochte es auch einen Kampf gelten, dessen Preis kein geringerer war, als Sein
oder Nichtsein?
So giebt es nicht nur in dem Leben des Einzelnen, der Völker wie der
Stände eine Entwicklung; es giebt auch Punkte in derselben, die von entscheidender
Wichtigkeit für die Weiterentwicklung sind, Punkte, an denen es zur Entscheidung
kommen muß, ob es hinaus- oder hinabgehen wird.
Vor jedem steht ein Bild des, das er werden soll;
So lang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.
So gilt es für den Einzelnen, wie für die Gesellschaften zu streben nach
einem Ideal, das, wenn es auch mit jeder Annäherung nur wächst, nur schöner
und höher wird, so daß es nie erreichbar scheint, doch immer die Richtung an-
giebt, der keiner untreu werden kann, ohne Schaden an seinem besten Sein zu
nehmen. Gilt dies schon für immer, so namentlich für jeden in entscheidungs
voller Zeit. Wie Belsazar das Tekel: „Du bist in einer Wage gewogen und zu
leicht erfuuden" zu spät erkeunen lernte, so hat mancher Einzelne und manches
Volk es zu spät einsehen gelernt, daß man nicht ungestraft seine Ideale verleugnet
und auf das Fleisch säet. —

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