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I. Abteilung. Abhandlungen.
Nach meiner festen Überzeugung steht unser Stand an einem höchst bedeut
samen Punkte seiner Entwicklung. Als Anzeichen hierfür nenne ich zunächst die
Einrichtung der Mittelschul- und Rektorprüfung, die es ermöglicht, daß unser
Stand einen gewaltigen Schritt vorwärts thue. Das alte Examen pro ree-
toratu hatte die Leitung größerer Schulsysteme, die Leitung sämtlicher Schulen
einer oder der andern Konfession in einer Stadt, der sämtlichen städtischen Volks
schulen, der höheren Mädchen- und Privatschulen in die Hände von Akademikern
gebracht; das Mittelschul- und Rektorexamen macht dem seminaristisch gebildeten
Lehrer nicht nur alle Stellen, so auch die leitenden, an diesen Schulen zugänglich,
sondern eröffnet auch die Aussicht auf die Stadt- und Kreisschulinspektion und
damit auf die Erfüllung des alten Wunsches nach fachmännischer Leitung und
Aufsicht.
Als zweites Anzeichen möchte ich die Bedeutung nennen, die die Sache der
Jugenderziehung infolge der Entwicklung unserer socialen Verhältnisse in den
Augen aller einsichtigen Volksfreunde gewonnen hat. Die mannigfachen Ent
deckungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften haben sich für die verschiedensten
Gebiete, besonders des wirtschaftlichen Lebens anregend und fruchtbar erwiesen und
im Verkehrswesen, dem Handel, dem Gewerbe eine Thätigkeit hervorgerufen, die
wir vor wenigen Jahrzehnten kaum ahnten. Telegraph und Telephon, Dampfer-
und Eisenbahnlinien verbinden die Menschen trotz aller räumlichen Entfernungen;
die Erzeugnisse der Erde und ihre Verarbeitung werden überall zugänglich ge
macht; an die Stelle der handwerksmäßigen Herstellung tritt für immer mehr
Gebrauchsartikel die fabrikmäßige, und wo früher Geschick und Fleiß ihren Mann
gut ernährten, gehört heute auch Kapital dazu, um in einem immer mehr sich
ausdehnenden Großbetrieb die Konkurrenz zu überflügeln. Früher trat der Knabe
nach seiner Entlassung aus der Volksschule in das Haus des Bauern ein, um
den landwirtschaftlichen Betrieb zu erlernen, oder er wurde in die Familie des
Handwerkers aufgenommen zur Erlernung des Handwerks; jetzt tritt er zu Hun
derten in die Fabrik und lebt nur zu oft, auch als Handwerkslehrling, an frem
dem Ort als Kostgänger, in seiner Freizeit ohne alle Aufsicht, preisgegeben allen
Versuchungen und Verführungen. Die Erlernung der Landwirtschaft und des
Handwerks war reich an Beobachtungen, Erlebnissen und Erfahrungen, die ein
Interesse in dem Knaben erwecken konnten, das seinem Charakter wie seinem
Intellekt zu gute kam; die Fabrik drängt, allerdings mit Ausnahmen, viel zu
sehr auf Teilung der Arbeit und damit auf einseitige Geschicklichkeit, um ein
höheres Interesse für die Arbeit wachrufen zu können. Die Mädchen wuchsen
früher als Stützen der Mutter oder Dienstmädchen in ihre künftige Stellung als
Hausfrau und Pflegerin der Kinder hinein; jetzt gehen sie in der Jndustriegegend
vielfach auch in die Fabrik, treten in jugendlichem Alter in die Ehe, ohne auch
nur irgendwie imstande zu sein, ihrem Manne ein behagliches Daheim zu

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