Anforderungen der Zeitverhaltnisse an den Volksschullehrerstand. 291
dem Lehrerstande eine Gelegenheit, wie sie ihm noch nicht geboten war, seine
Stellung im öffentlichen Leben zu einer höchst bedeutsamen und gefesteten zu
machen.
Ich habe oft aus Dörpfelds Munde die Klage gehört: Das haben wir nun
mal wieder verpaßt/ Ende der fünfziger Jahre begann er seine Arbeit über die
Schulverfassung. Wären die Interessenten, die Lehrer, Geistlichen, Schulvorsteher
ideal gerichtet gewesen, so hätten sie der einzig möglichen Lösung der alten Streit
frage: Wem gehört die Schule? freudig zugestimmt und wären energisch für sie
eingetreten. In den sechziger Jahren war es noch möglich, die Volksschule in
die rechten Hände zu geben; jetzt wird man sich zu dem Schritt wohl erst dann
verstehen, wenn die Übeln Früchte der heutigen Schulordnung so stark dahin
drängen, daß man nicht wohl mehr anders kann. Wie ists nun Dörpfeld mit
seinen Reformgedauken auf diesem Gebiete ergangen? Die Lehrerschaft hat sich
im großen und ganzen um sie nicht gekümmert, bis die unglückliche Rede von
Puttkamers Dörpfeld veranlaßte, seine Reformgedanken in ein zeitpolitisches Ge
wand zu kleiden und sie so durch fremde Zuthaten genießbarer zu machen. Die
Pfarrer wurden Dörpfeld feind, indem sie nur sahen auf das, was er ihnen
nahm, und nicht bedachten, daß man sich nur des Besitzes recht erfreuen kann,
auf den man auch volles Recht hat und gegen den man die entsprechenden Pflichten
gern erfüllt. Die übrigen Interessenten bewiesen durch ihr Verhalten nur, daß
Dörpfeld recht hatte, wenn er zur Charakteristik der hergebrachten Schulverfassung
ihr den schwerwiegenden Vorwurf machte, daß unter ihr die Schule nicht Volks
sache geworden sei; sie blieben still und ließen gehen, was ging.
Ich führe diese vergangenen Dinge nur an als naheliegendes Beispiel dafür,
wie leicht man eine Gelegenheit verpassen kann, und um zugleich daran die Hoff
nung zu knüpfen, daß uns derartiges nicht auch jetzt passieren möge.
Warum hat die Einrichtung der Mittelschul- und Rektorprüfung unserm
Stande nicht schon mehr Vorteile gebracht? Ich weiß von verschiedenen Fällen,
in denen sich die Schulbehörde alle Mühe gegeben hat, die Leitung einer Mittel
schule einem seminaristisch gebildeten Lehrer zu übertragen, von andern, wo sie die
Gleichberechtigung der seminaristisch gebildeten mit den akademisch gebildeten Lehrern
an höheren Töchter- und ähnlichen Schulen aufrecht zu erhalten suchte; in allen
diesen Fällen scheiterten • die Bemühungen an dem Widerspruch der städtischen
Schuldeputationen. Bei der Überfüllung des höher» Lehrfachs und der Theologie
müssen die Kandidaten oft lange warten, ehe sich ihnen eine Stelle in ihrem
eigentlichen Berufe bietet, und so ist es nicht zu verwundern, wenn sie gern in
jede andere Stelle eintreten, wenn sie nur irgend passend erscheint und den nötigen
Unterhalt gewährt. Wenn hier in Westfalen Kandidaten der Theologie als Lehrer
an der Volksschule thätig sind, warum sollten nicht Kandidaten des höheren Lehr
fachs und schlecht gestellte höhere Lehrer sich bemühen, in die besseren Stellen an

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