Anforderungen der Zeitverhältnisse an den Volksschullehrerstand. 293
Offizieren, den Postbeamten rc. ähnliche Erscheinungen wahrzunehmen nicht Ge
legenheit hat.
Ich brauche diesen leidigen Stand der Dinge nicht weiter zu illustrieren.
Sie kennen ihn alle. Man spricht nicht gern davon; und doch wäre es längst
notwendig gewesen, mit allem Ernst darauf hinzuweisen, daß hier ein Schaden
vorliegt, der für unsern Stand immer verhängnisvoller wird. Es hilft nichts,
daß wir an die rühmlichen Ausnahmen erinnern. So lange der Schaden nicht
gebessert ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn man lieber Litteraten in
die leitenden Stellen beruft und sie unserm Stande verschlossen bleiben, und wenn
überhaupt das Ansehen unsers Standes manches zu wünschen läßt.
Die zweite Stelle ist die falsche Selbstschätzung, die sich namentlich in den
letzten Jahrzehnten in unsern Stand mehr und mehr einschleicht.
Es ist schon vor 50 Jahren von Mager, Zahn und andern Freunden un
sers Standes darauf hingewiesen worden, daß unter den Volksschullehrern ein
ungewöhnlicher Trieb zur Fortbildung rege sei. Daß er auch jetzt noch nicht
ausgestorben, das beweist nicht nur die große Zahl der Kollegen, die jedes Jahr
das Mittelschnl- und Rektorexamen machen, das beweisen auch die Arbeiten in
den Vereinen zur Pflege der verschiedenen Wissenschaften, namentlich der Herbart
vereine. Von Dörpfeld sagten seine akademisch gebildeten Freunde wohl, daß er
jedem philosophischen Lehrstuhl würde zur Zierde gereichen. Daß er flüssig eng
lisch und französisch sprach, ein tüchtiger Theologe und Botaniker war, mit dem
Lateinischen und Griechischen in etwa vertraut, das erfuhr man nur gelegentlich;
er war Schulmeister, und wollte anderes nicht sein.
Die besten und einsichtigsten Freunde unseres Standes haben von jeher
darauf hingewiesen, daß wir in der praktischen Tüchtigkeit, in der pädagogischen
Kunst, unsere Stärke sehen müssen; was uns darin nicht fördert, sollten wir bei
seite lassen. Das ist ein großes Gebiet, wohl wert, alle Kraft daran zu setzen,
es möglichst zu beherrschen.
Der alte Adam, der in jedem von uns wohnt, unterläßt es sicherlich nicht,
jede Gelegenheit zum Ansbruch seines Hochmuts zu benutzen; und so weiß ich
nicht, ob es mehr der alte Adam oder die Mittelschulprüfung schuld ist, daß in
den letzten Jahrzehnten manche Kollegen auch noch etwas anderes sein wollen als
Schulmeister. Das wird besonders böse, wenn es treibt zu einem Vergleich nach
der allgemeinen Bildung mit akademisch gebildeten Leuten. Hat jemand ein Gym
nasium mit gutem Erfolg absolviert, darnach mit Fleiß seine akademischen Studien
gemacht, so besitzt er eine allgemeine Bildung, die höchst wertvoll ist und die sich
auf einem andern Wege nicht erreichen läßt. Warum erkennen wir nun diesen
Vorzug nicht neidlos an und lernen von den Litteraten, was von ihnen zu lernen
ist? Mögen wir noch so viel an Wissen aus den verschiedenen Gebieten gegen
ihre Kenntnis dir Wurzeln unserer Bildung und ihrer Spezialwissenschaft in die

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.