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I. Abteilung. Abhandlungen.
Wagschale werfen können, der Vergleich der allgemeinen Bildung bleibt immerhin
ein höchst mißlich Ding, eines einsichtigen und bescheidenen Menschen nicht würdig.
Der Heimgegangene Direktor der Franckeschen Stiftungen in Halle, Dr. Frick,
mahnte seine wissenschaftlichen Berufsgenossen eifrigst zur Pflege der Gemeinschaft
mit den seminaristisch gebildeten Lehrern, die ihnen in der methodischen Behandlung
des Unterrichts voraus seien. Wollen wir unsere Stellung neben den akademisch
gebildeten Lehrern auf den gemeinsamen und strittigen Arbeitsgebieten behaupten,
so müssen wir es aufgeben, etwas anderes als Schulmeister sein zu wollen. Dort
liegt unsere Stärke, und darin wird man uns so leicht nicht gleichkommen.
Daß bei dem hier beklagten Übel die Mittelschulprüsung nicht ganz unschuldig
ist, mag auch der alte Adam der Hauptschuldner sein, das erklärt schon die That
sache, daß diese Prüfung den Blick zu sehr auf die Ausdehnung, anstatt auf die
Vertiefung und pädagogische Verwendbarkeit des Wissens lenkt. Ich habe selbst
verschiedentlich die Übeln Folgen hiervon gesehen und verstehe daraus das aller
dings wenig korrekte Benehmen eines Kuratoriums einer höhern Privatschule, das
einem Bewerber um die vakante Rektorstelle schrieb, es sei schlimm genug, daß er
als so junger Mann schon einmal die Mittelschulprüsung gemacht habe, daß er
in nächster Zeit auch noch in zwei andern Fächern diese Prüfung machen wolle,
sei ihm Grund genug, auf seine Wahl zu verzichten.
Die falsche Selbstschätzung hat sich nach meinem Dafürhalten auch in der
jüngsten Bewegung für die Erlangung der Berechtigung zum einjährigen Militär
dienst gezeigt.
Die eigenartige Stellung, die den Volksschullehrern im Heere zugewiesen
war, hatte ihre besondere Geschichte; ein Urteil über die Bildung der Lehrer lag
nicht darin; sie war eben exceptionell. Daß die Seminarabiturieuteu eine höhere
allgemeine Bildung besitzen als die Einjährigen, die ihren Schein auf den Schul
bänken abgesessen haben, war niemals für einen Kundigen fraglich. Woher nun
die Erwärmung für die Berechtigungsfrage?
Ich weiß aus mehr denn zwanzigjähriger Erfahrung, wie schwer es den
meisten Eltern wird, die ihre Söhne dem Lehrerstande widmen, ihr Ziel mit
ihren Kindern zu erreichen. Wie diese den Wunsch hegen könnten, nach absol
viertem Seminar nun auch ihre Söhne als Einjährig-Freiwillige militärisch aus
bilden zu lassen und dafür ungefähr dasselbe zu zahlen, was ihnen die ganze
Ausbildung zum Lehramt gekostet hat, ist mir unbegreiflich.
Denkt man nicht an den Freiwilligen-Dienst, sondern mehr daran, daß
die Lehrer nach einjähriger Dienstzeit eine bessere Stellung im Heer haben werden,
so ist das ja berechtigt, wenn ich auch sehr bezweifle, daß es ihnen irgendwie ge
schadet hat, wenn sie bei den Appells bisher als Gemeine antraten.
Der Hauptgrund für die Bemühungen um die Erlangung der Berechtigung
lag aber wohl noch anderswo. Die Berechtigung zum einjährigen Militärdienst

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