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I. Abteilung. Abhandlungen.
Will die Schule den veränderten Verhältnissen gegenüber ihre Pflicht thun,
so sollte sie ernst machen mit der Erfüllung der Verpflichtungen, die ihr aller
dings auch so schon gestellt sind; sie sollte ernst machen mit dem erziehenden
Unterricht, mit der Pflege der Beziehungen zu den übrigen Erziehungsfaktoren,
und drittens sollten die Lehrer mit den übrigen Beteiligten dahin wirken, daß
wir eine öffentliche Erziehung bekommen, durch die nicht nur die Schuljugend in
ihrer Freizeit, sondern auch die der Schule entlassene Jugend Schutz und Förde
rung in ihrer sittlichen Lebenshaltung erhielte.
Von dem erziehenden Unterricht ist leider zu sagen, daß wir ihn noch nicht
haben. Die Kenntnisse und Fertigkeiten, auf deren reichlichen Erwerb immer
ernstlicher gedrungen wird, können ebenso wohl zum Bösen als zum Guten ver
wandt werden. Es handelt sich also darum, mit dem Erwerb den Schüler zu
gleich zu gewinnen für eine gute Verwertung des Erworbenen, um eine Be
stimmung seines Charakters. Wie ein erziehender Unterricht zu gestalten ist,
darüber ist genug geschrieben worden; es muß nur immer wieder gesagt werden,
daß er mit dem heutigen Getriebe, mit den zusammenhangslosen Lehrplänen, mit
dem rastlosen Hasten nach hohen Zielen, mit dem Drängen auf präsente Stoffe,
mit der Pflege eines besondern Schulgedankenkreises neben dem sonstigen Gedanken
kreise des Kindes, mit der künstlichen Teilung der Arbeit in den großen Schul
systemen nicht vereinbar ist. Man sollte aber thun, was auch unter den gegebenen
Schnlverhältnissen möglich ist. Es sind 60 Jahre, daß Zahn den Unterricht in
der biblischen Geschichte, im Bibellesen, dem Katechismus, Kirchenlieder und den
Sprüchen als ein Lehrfach zu behandeln Anleitung gegeben hat. Die Herbartsche
Schule hat gezeigt, wie dem Gesinnungsunterricht eine centrale Stellung sollte
gegeben werden. Der Konzentrationsgedanke kann auch in mehrklassigen Schulen
durchgeführt werden, wenn nur neben dem entsprechenden Lehrplane Willigkeit be
steht, auf die Arbeit der Kollegen gebührende Rücksicht zu nehmen. Ebenso ist
es möglich, statt einen künstlichen Gedankenkreis zu pflegen, an das unmittelbare
Interesse des Kindes anzuknüpfen und dieses zu pflegen. Das wären schon zwei
wichtige Dinge. Stellten wir noch eine Untersuchung darüber an, was die ein
zelnen Unterrichtsgebiete für die allgemeine Bildung zu bieten haben und worin
dies liegt, so würde sich auch noch eine höchst dankenswerte Vereinfachung des
Lehrplanes ergeben, und zwar nicht unter Schädigung, sondern zum Vorteil der
Bildung. Gewiegte Naturkenner sind z. B. der Überzeugung, daß das, was die
Natur für unsere Jugend zu lehren hat, sehr wohl in der Betrachtung eines
kleinen Kreises könne gewonnen werden; der Lehrer muß freilich das Ganze im
Kleinen zu sehen verstehen. Die tägliche Erfahrung lehrt, wie wenig es im
religiösen Leben auf die Ausdehnung gegenüber der Art der religiösen Einsicht
ankommt.

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