Anforderungen der Zeitverhältnisse an den Volksschullehrerstcmd. 301
Es wäre doch gar nicht so schwer, daß sich nahewohnende gutgesinnte Leute
dahin verbänden, gegen das Sittengesährdende in ihrem Kreise aufzutreten, daß
sie dann benachbarten Kreisen die Hand böten und so allmählich äußerlich zu einem
mächtigen Bunde heranwüchsen. Sie könnten recht bescheidentlich anfangen und
zunächst auf Einzelnes das Auge richten, dann anderes hinzunehmen, um so auch
innerlich ihre Wirksamkeit immer mehr der Lösung der Gesamtausgabe, der Pflege
der Gesundheit des öffentlichen Lebens, zu nähern. Nach dem heutigen Stand
der Dinge kann man es dem Einzelnen nicht verübeln, wenn er vor seinen Augen
Dinge geschehen läßt, die durchaus nicht zu billigen sind, und bestenfalls die
Polizei aufmerksam macht. Aber tritt dem wohlgesinnten Mann nicht die Scham
röte dabei ins Gesicht und regt sich nicht jedesmal der Wunsch: Könnte ich
doch dergleichen unterdrücken! Er könnte es, schlösse er sich nur mit Gleich
gesinnten zusammen.
Manche bösen Dinge geschehen nur in gewissen Strahlen; andere wagen
sich überhaupt nicht an das Licht. Was lehrt das? Es giebt ein sittliches
Gemeingefühl, das geachtet werden muß und gegen das auch der Verkommenste
nicht sich aufzulehnen getraut. Die Pflege dieses Gemeingefühls ist das zweite,
was wir im Interesse der öffentlichen Erziehung thun können. Wohl fehlt es
diesem Gefühl nicht an Pflegern. Alles, was Kirche und Schule, die Familie
und Gemeinde in rechter Weise thun, kommt ihm zu gehen; ebenso dienen ihm
die Veranstaltungen zur Pflege der Gesundheit und überhaupt des Volkswohls,
die Eiurichtung und Pflege schöner Anlagen, Vorträge, musikalische Aufführungen
und dergl. Aber doch lassen diese Veranstaltungen noch eine bedenkliche Lücke.
David hat seine Sünde gegen Urias wohl keinen Augenblick als ein gerechtes
Thun angesehen, zur Buße aber kam er erst, als ihm Nathan ins Gesicht sagte:
Du bist der Mann, den du eben gerecht verurteilt hast. So muß man auch
der Gemeinschaft ihre konkrete Verschuldung, ihre bestimmten Pflichten, unter die
Augen rücken. —
Der heutigen Schulordnung ist eigentlich niemand froh. Die Kommunen
sind wohl stolz auf ihre Prachtbauten und deren Einrichtung, sie können sich aber
doch der Erkenntnis nicht verschließen, daß dem äußern Glanz das innere Leben
nicht entspricht, und wollten sie es, so belehrten sie die bösen Früchte des Fabrik
schulwesens bald eines andern. Der Regierung sind in allen äußern Schul
angelegenheiten die Hände gebunden. Heute ist es der Landtag, morgen der Ver-
waltungsgerichtshof oder der Kreis- und Provinzial-Ausschuß, die kommunale Ver
tretung, die ihr den Weg sperren. So ist es nicht zu verwundern, daß mau
eine bessere Ordnung der Schuldinge ersehnt; wüßte man sie nur zu finden!
Wir sind überzeugt, in dem Schulgemeindegedanken den Schlüssel zur Lösung
der Frage zu besitzen, und so ist es unsere Pflicht, ihn immer wieder der Prüfung
vorzulegen. Wohl hat Dörpfeld einen klaren, detaillierten Plan entworfen. Wir
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