Anforderungen der Zeitverhältnisse nii den Volksschullehrerstand. 303
einer Familie ein guter Sinn, hält der Vater auf Berusstreue und Arbeitsehre,
so ist der Sohn sicher zu empfehlen, wenn er sonst die nötige Beanlagung hat,
mag die Familie so arm und gering sein wie sie will. Fehlts aber an der
rechten Gesinnung in der Familie, so ist die Aufnahme in den Stand immer
bedenklich.
Da die meisten Präparanden aus der Volksschule kommen, so haben die
Lehrer der Volksschule es in der Hand, nicht nur geeignet erscheinende Knaben
zur Wahl des Lehrerberufs zu ermuntern, sondern auch ungeeignete zurückzuhalten
und ihnen nötigenfalls den Weg zu verlegen. Wir Lehrer der Präparanden-
anstalt müssen uns aus das Urteil der bisherigen Lehrer der sich bei uns Mel
denden verlassen. Leider muß ich sagen, daß bei den Aufnahmeempfehlungen das
Interesse der Schule und unsers Standes vielfach nicht gebührend gewahrt wird.
Viel zu oft waltet ganz ungehörige Rücksichtnahme auf die Wünsche der Fa
milie rc. vor. Daß damit auch dem Wohl der falsch geleiteten Knaben wenig
gedient ist, versteht sich leicht. Die Lehrer, die nicht mit Freudigkeit ihrem Beruf
leben, gehören gewiß nicht zu den glücklichen Menschen. — Daß es in Bezug aus
die Lehrerbildung allerlei begründete Desiderien giebt, daran will ich hier nur
kurz erinnern; ich habe es unlängst noch des näheren ausgeführt.
Wie dem Nachwuchs größere Sorgfalt zugewandt werden sollte, so auch der
Pflege des standesmäßigen Sinnes.
Sie alle wissen, daß manches in unserm Stande vorkommt, des wir uns
schämen müssen. Ich denke dabei nicht nur an die Lebeusführuug des Einzelnen,
an sein Benehmen gegen Vorgesetzte, Interessenten, Kollegen, sondern auch an
die schriftstellerischen Leistungen aus unserm Stande in der Tagespresse und
sonstwo. Ich weiß wohl, wie sehr die heutigen Schulverhältnisse an diesen Übeln
Erscheinungen beteiligt sind, wie also auch die Sorge für die Gesundheit des
Standes uns zum Anlaß werden muß, auf Reform der Schulverhältnisse zu
dringen. Wenn wir nun auch Kritikern gegenüber auf diese Verhältnisse ent
schuldigend Hinweisen dürfen, so dürfen wir sie doch nicht zur Entschuldigung
werden lassen in der kollegialischen Beurteilung. Der christliche Charakter unserer
Volksschule macht für den Lehrer eine dem entsprechende Lebens- und Welt
anschauung zur notwendigen Voraussetzung. Wenn nun auch innerhalb der hier
durch gezogenen Begrenzung differierende Anschauungen Raum haben, so daß wir
um diese Differenzen nicht zu sorgen haben, so tritt dafür die Forderung in Bezug
auf die sittliche Haltung um so bestimmter auf. Wer es da in irgend grober
Weise fehlen läßt, um den haben wir uns nach besten Kräften zu bemühen, ihn
auf bessere Wege zu bringen; gelingt uns dies nicht, so haben wir durch unser
Verhalten es deutlich zu bekunden, daß wir, wenigstens einstweilen, nichts mehr
mit ihm gemein haben. Wir gehören zu den Ständen, auf die man mit Recht
ein scharfes Auge richtet, an denen Gebrechen zu beobachten sogar für manche sehr
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