Kleine Chronik.
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wendet sich mit beherzigenswerten Worten Prof. Th. Vogt in Wien, der Vor
sitzende des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik. Er betont, daß bei einem
solchen Verfahren der absolute Unterschied zwischen wahr und falsch (richtig und
unrichtig) aufgehoben und alles Streben wissenschaftlicher Art, welches jenen logi
schen Unterschied zur notwendigen Voraussetzung habe, illusorisch gemacht werde.
Er fährt fort: „Au die Stelle wissenschaftlicher Sätze treten dann Machtsprüche,
welche nicht mehr auf Gründen, sondern auf dem Willen des Menschen beruhen
und mit logischer Freiheit unverträglich sind. Wann ist es je einer wissenschaft
lichen Versammlung von Naturforschern oder Mathemätikern oder Philologen ein
gefallen, zu beschließen, daß z. B. dieser Kodex der wertvollste und jenes
Gesetz giltig sei? Hier wird als selbstverständlich angenommen, daß auf dem
Gebiete der Erkenntnis Gründe entscheiden, nicht der Wille. Auf dem Gebiete
der Pädagogik aber sollte der bloße Wille entscheiden und in dem Umstande, daß
in einer großen Versammlung nicht alle zu Worte kommen können, die ebenso
seltsame als gewaltsame Rechtfertigung dafür liegen, daß von den nicht geäußerten
Gründen abgesehen und durch Jasagen gegenüber den geäußerten dem Reden ein
Ende gemacht werden könne?"
Prof. Vogt stellt diesem Mißbrauche das Verfahren des von ihm geleiteten
Vereins gegenüber, der von vornherein auf die logische Begründung der gemachten
Anfstellungeu, so wie es in allen anderen Wissenschaften üblich sei, das Haupt
gewicht gelegt habe. „Daher in den Verhandlungen nicht debattiert, sondern
diskutiert wird, d. h. nicht individuelle Meinungen und noch weniger Willens
kundgebungen aufgestellt werden, sondern die Klärung der Einsicht und die An
näherung an logische Begriffsbestimmungen angestrebt wird. Auf diese Weise hofft
er dem herrschenden Resolutionsunfug entgegenzuarbeiten, der mit der Würde einer
Wissenschaft unvereinbar ist, ja viel eher die Nichtanerkennung der Pädagogik als
Wissenschaft ankündigt; auf diese Weise sucht er das tumultuarische Verfahren,
welches mit der über einen Antrag gestellten Debatte, zu deutsch Wortgefecht, ver
knüpft zu sein pflegte und in Gefühlsausbrüchen, oft wenig schmeichelhafter Art,
den geäußerten Gegengründen und Bedenken gegenüber sich Luft macht, unmöglich
zu machen; auf diese Weise sucht er den in politischen Versammlungen üblichen
Brauch der Majoritätsbeschlüsse, der ohnedies bei der Vergötterung des abstrakten
Individuums, wie es die Lehre vom Liberalismus will, nur Massen-, nicht Ver
nunftherrschaft anstrebt und zum Radikalismus führt, als ungehörig für wissen
schaftliche Verhandlungen fernzuhalten; auf diese Weise endlich will er zur He
bung der berechtigten Autonomie und des Ansehens des Lehrerstandes beitragen."
(Zeitschr. für Philos. u. Pädag. I, Erstes Heft, S. 70.)
2. Die Trennung der Geschlechter.
Warum trennt man denn die Jugend in den Städten? Man weiß es
nicht. Ein Staat hat es von dem andern gelernt. Es ist damit gewesen wie
mit jedem anderen Übel, das fortzeugend Böses gebiert. Denn die Geschlechter
trennung ist in ihren Folgen ein Übel. Knaben und Mädchen sind, wo sie zu
sammenlernen, einander treibende Kräfte. Ein Beispiel: die gute Aussprache und
richtige Betonung ist das Angebinde des Mädchens. Es rezitiert ein Gedicht,
der Knabe hört und lernt von ihm. Dagegen: ein klarer, bestimmter Sprechtou

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