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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
ist dem Knaben gegeben. Das Mädchen hört ihn, überwindet die weibliche
Schüchternheit und findet ebenfalls den klaren, deutlichen Ton. In der Hand
des geschickten Lehrers wird das Zusammensein beider Teile zu einem Hebel des
Lehrerfolges. Es läßt sich auch ein gewisser Geschlechtsstolz leicht erzielen. Dazu
genügen wenige Worte, gelegentlich hingeworfen. Dieser Stolz, der sich wie der
Mannesstolz in würdigen Formen hält, begründet einen heilsamen Wetteifer. Kein
Teil will unterliegen, das einzelne Kind, als Repräsentant seines Geschlechtes,
thut für die Ehre dieses Geschlechtes sein Möglichstes.
Mehr noch als dem Unterrichte dient die Vereinigung der Geschlechter der
Erziehung. Der Einfluß des Kindes auf das Kind ist außerordentlich groß.
In einer mit mehreren Kindern gesegneten Familie erziehen die Geschwister fast
so sehr als die Eltern. Das Kind lernt vom Kinde alles, das Gute wie das
Böse. Wenn nun, wie in der Schule, das Böse vor der Autorität des Lehrers
zurücktritt, das Gute sich frei entfalten kann, so wird das Beispiel, vom Kinde
dem Kinde gegeben, ein unschätzbares Erziehungsmittel. Das Mädchen, sittiger
und lenksamer als der Knabe, nimmt diesen durch das Beispiel in Zucht. Der
Knabe, kräftiger und energischer in der Arbeit, befeuert hinwiederum Wollen und
Thatkraft des Mädchens. Das Starke und das Milde giebt vereint den schönsten
Klang. Predige dem Knaben Akkuratesse und Reinlichkeit, und du redest nur
allzuoft in den Wind. Stelle ihm ein sauber gewaschenes und gekämmtes Mäd
chen vor Augen, und er verliert die Scheu vor dem Wasser und dem Kamme.
An der Natur des Mädchens bricht sich die natürliche Wildheit des Knaben. Und
wenn das Mädchen das Vertrauen in die eigene Kraft verliert, so zeige ihm, wie
der Knabe die Festung erstürmt. Da fällt ein Funke von Kraft in das zagende
Mädchenherz, der weibliche Geist regt und streckt sich und erreicht ebenfalls die
Höhe. Wer in der Erziehung die Geschlechter trennt, der vertreibt bewährte
Bundesgenossen.
Die Schule soll fürs Leben bilden. Trennt das Leben Mann und Weib?
Mit nichten, es eint sie. Die Erziehung soll lehren, wie beide mit einander
leben und weben, sich tragen, stützen und dulden müssen, und sie richtet gleich
wohl eine Scheidewand zwischen ihnen auf. Das ist die Erziehung nicht für
sondern wider das Leben. Wir entfremden das Weibliche dem Männlichen, kein
Wunder, wenn später eins das andere nicht findet, ohne sich gegen die guten
Formen des Umgangs zu versündigen. Die Schule, die Mädchen und Knaben
getrennt erzieht, entläßt die Jugend nicht als zusammengehörige und geistig in
einander gelebte Wesen, sie läßt vielmehr die ihr enteilenden Geschlechter ans ein
ander los. In dem Trachten beider, sich zusammenzufinden, kann es ohne Schaden
nicht abgehen. Das Zusammensein ist neu und ungewohnt, und es fehlt nun
das wachsame Auge des Lehrers, um die Annäherung in den Schranken der Zucht
und Keuschheit zu halten. Scharfblickende Pädagogen haben die Gefahr einer
Trennung der Geschlechter wohl erkannt und auch da und dort warnend ihre
Stimme erhoben. Es ist vergeblich gewesen. Es wird auch noch lange ver
geblich sein. Aber freilich wird einmal doch Ein- und Umkehr erfolgen, denn
was vernünftig ist, ist allmächtig, und mahlen die Mühlen der Erkenntnis auch
noch so langsam. (Freie päd. Blätter. XXVII, Nr. 16.)

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