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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
die selbst höchst wertig Aussicht haben, Hauptlehrer zu werden. Damit nicht etwa einer
der Herren Kollegen uns unter den Hauptlehrern suche, sei vorweg bemerkt, daß
wir es dazu noch nicht gebracht haben. Der Hcmptlehrer erregt schon durch
seinen Titel, vom Gehalt ganz abgesehen, den Neid seiner Kollegen. Ist das
etwa nicht der Fall? Wollen wir doch vor allen Dingen ehrlich bleiben und
uns das eingestehen. Ist es aber nicht eine sehr niedrige Gesinnung, die wir
sogar an den Tieren hassen und verabscheuen? Wir alle wissen, wozu der Neid
führen kann. In keinem einzigen Falle ist der Zanksüchtige selbst der schuldige
Teil. Er beweist seine Unschuld, seine Friedfertigkeit, seine Uneigennützigkeit jedem,
der es hören will und nicht will. Er sucht überall Gelegenheit und findet sie,
um seinen Kollegen, den Hauptlehrer, als einen in jeder Beziehung ungenießbaren
Menschen hinzustellen. Lüge, Heuchelei, Verleumdungssucht sind die getreuen Be
gleiter des Neides von Anbeginn an gewesen und sind es auch heute noch. Der
Neidische sucht nicht nur die Kreise der Kollegen auf, seinem geheimen Jngrimme
Luft zn verschaffen, nein, jede Kneipe, jedes Weib ist ihm recht, so lange er
Glauben findet. Kollegen! Hand aufs Herz: ist es nicht so? Wenn irgendwo
in einem Stande, so herrschen Neid, Mißtrauen, unkollegialischer Sinn auch im
Lehrerstande. Wie mancher unter uns raisonniert und schwadroniert über Un
kollegialität, und wenn man ihn bei Licht betrachtet, so hat er alle Eigenschaften,
nur nicht Treue, Selbstlosigkeit, Bescheidenheit, Offenherzigkeit. Wird es einem
Hauptlehrer gelingen, mit einem solchen Kollegen auf guteni Fuße zu leben?
Nein, und brächte er Opfer um Opfer, der Neid und der Wolf werden nicht
satt. „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar
nicht gefällt." Der Hauptlehrer hat in den meisten Fällen einen sehr schwierigen
Standpunkt. Man verzeiht ihm einfach seinen Namen nicht. Er unterscheidet
sich ja in den meisten Fällen durch nichts anderes von seinen übrigen Kollegen.
Er ist Lehrer. Hat er eine reichere Erfahrung, besseres Talent, oder verfügt er
über sonstige achtungswerte Vorzüge, so sollte man meinen, das sei geeignet, seine
Kollegen nur an sich zu fesseln. Gefehlt! Der „Nörgler", lassen wir den Aus
druck einmal gelten, der vielleicht eben seine Abgangsprüfung bestand, könnte nach
seiner Meinung ebenso gut Hauptlehrer sein, wie sein um 20 oder mehr Jahre
im Amte stehender Kollege. Nicht selten glaubt jener sich diesem sogar überlegen.
Daß hin und wieder ein Hauptlehrer in seinem Umgänge mit den Klassenlehrern
vorsichtig ist, darüber wundern wir uns gar nicht. Er hat von dem Tage seiner
Ernennung zum Hauptlehrer reichliche Erfahrungen genug gesammelt, um zu dem
Schluffe zu kommen, daß es am besten sei, den Umgang mit seinen Kollegen auf
das notwendige Maß zu beschränken. Dann nennen es die Klassenlehrer oder
auch viele andere frühere Freunde Überhebung, Stolz. Das ist eine billige
Redensart. Wer ist am ersten bei der Hand, über Hauptlehrer und Vorgesetzte
sich zu beklagen? — Fast immer der, der am wenigsten fähig und würdig einer
bevorzugten Stellung wäre. Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er durchaus
nicht immer Verstand. Das haben wir doch, wenigstens früher, hinlänglich an
manchen Lokalschulinspektoren erfahren."
(Rheinisch-Westfälische Schulzeitung. XVII, S. 248.)

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