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III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
Rein, Pickel und Scheller: Das erste Schuljahr. Ein theoretisch-praktischer Lehrgang
für Lehrer und Lehrerinnen, sowie zum Gebrauch in Seminaren. 5. Ausl. X und
280 S. Leipzig 1893, Heinrich Bredt. 3 M.
Inhalt: Vorwort. Einleitung. — X. Die Grundlegung. 1. Die Auswahl
und Anordnung des Stoffes nach den kulturhistorischen Stufen. 2. Die Verbindung der
Lehrfächer unter einander. 3. Die Durcharbeitung des Lehrstoffes. — 8. Die Aus
führung. I. Humanistische Fächer: 1. Gesmnungsunterricht. (Die Märchen.) 2. Kunst -
unterricht, a) Zeichnen, b) Gesang. 3. Sprachunterricht. II. Naturkundliche Fächer:
l. Naturkunde. 2. Rechnen. —
Die vorliegende Schrift wurde bei ihrem ersten Erscheinen, im Jahre 1878, in dieser
Zeitschrift aufs freudigste begrüßt. Dörpfeld, der sie einer eingehenden Besprechung
unterzog, stellte sie als einen bündigen Absagebrief an den didaktischen Materialismus
hin, dessen vielfältige Nährquellen und tiefgreifende Schäden er mit kundiger Hand auf
deckte. Die gewichtige Empfehlung, die das. Buch auf diese Weise erhielt, ist demselben
sehr zu gute gekommen. Trotzdem es keineswegs eine bequeme Handreichung für den
täglichen Gebrauch darbietet, erfreut es sich doch einer ungemein großen Verbreitung,
die als ein Zeugnis dafür gelten kann, daß die Gedanken, die es vertritt, immer mehr
beachtet und anerkannt werden.
Die Verfasser haben unausgesetzt die nachbessernde Hand an das Buch gelegt, und
so erscheint es auch in der vorliegenden fünften Auflage wiederum in vielfach veränderter
und erweiterter Gestalt. Manches, was in den früheren Auflagen mit unbedingter Ge
wißheit auftrat, hat eine Einschränkung erfahren: anderes, das früher noch fraglich er
schien, hat sich auf Grund vertiefter Forschung und an der Hand der Praxis als feste
didaktische Wahrheit erwiesen. Das Ganze ist litterarisch wohlfundiert, ein Beweis
dafür, wie umsichtig die Verfasser bei ihrer Reformarbeit vorgehen.
Der strittigste Punkt des ersten Schuljahres ist die Märchenfrage. In der Neu
auflage ist die frühere Reihenfolge der Märchen abgeändert worden; den Anfang bilden
jetzt die Tiermärchen: die „Sternthaler", die früher den bevorzugten Platz am Eingänge
des Gesinnungsunterrichts einnahmen, sind in die vorletzte Stelle gerückt: neu hinzu
gekommen sind die „Kornähren" und „Schneeweißchen und Rosenrot". Im übrigen
aber ist die Stellung der Verfasser in dieser Sache unverändert geblieben. Den Ver
mittlungsvorschlag, neben den Märchen als dem Stoff des profanen Geschichtsunterrichts
eine Reihe kindlich gehaltener biblischer Geschichten aus dem Leben Jesu in den Lehrplan
des ersten Schuljahres einzusetzen, weisen sie nach wie vor zurück.
Wie begegnen nun die Verfasser dem oft erhobenen Vorwurf, daß bei dieser Stoff
wahl den Kindern die Gestalt des Heilandes, die das A und O jedes gesinnungs
bildenden Unterrichts sein müffe, vorenthalten werde? Wohl erkennen sie an, daß das
Lebensbild Jesu im erstenSchuljahr nicht fehlen dürfe. Aber sie glauben
für die Weckung und Nährung christlichen Denkens und Fühlens genug gethan zu haben,
wenn sie den Kindern die centrale Gestalt Christi im Sch ul gottesdien st und bei
der Weihnachtsfeier vorführen. An Stelle der unterrichtlichen Behandlung wollen
sie sich mit einer erbaulichen Betrachtung begnügen. Wir können in dieser
Stellungnahme keine Lösung des hochwichtigen Problems finden. Die Bedenken
bleiben ungehoben. Eine Erbauung, losgelöst von der klaren Erkenntnis, fußend auf
unklaren, verschwommenen Vorstellungen, erscheint uns als ein Ding von höchst zweifel
hafter Güte. Die Verfasser sagen selbst an einer Stelle ihrer Schrift: „Wo man nicht
mit klaren Begriffen, sondern mehr mit einem dunkeln Gefühl arbeitet, kann das Er
gebnis kein zwingendes sein." (S. 20.) Es ist eine psychologische Thatsache, daß die
Wärme und die nachhaltige Kraft der Gefühle ganz abhängt von der Klarheit der Vor
stellungen. Will man darum den Stoff der biblischen Geschichten zur Anregung reli
giöser Stimmungen ausnutzen, so sollte man auch die Voraussetzungen dazu schaffen
und die Notwendigkeit zugeben, diesen Stoff vorher unterrichtlich klarzustellen.
Und umgekehrt: Hält man die Einführung des biblischen Geschichtsunterrichts in das
erste Schuljahr für eine pädagogische Verirrung und höchst gefährliche Verfrühung, die
notwendigerweise Abstumpfung des kindlichen Gemüts zur Folge hat, so sollte man auch
nicht einer erbaulichen Betrachtung das Wort reden, da ohne Belehrung sich diese ver
meintlichen Übelstände nur noch verstärken. Mit dem einen steht und fällt nach unserem
Dafürhalten auch das andere.
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