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Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen und ihre
scheinbare Beseitigung durch unvollkommene
Schuleinrichtungen.
Auch ein Beitrag zur Leidensgeschichte der Volksschule.
Von Ed. Thalfeld.
I.
Die Uberfüllung der Schulklassen des preußischen Staates hatte in den acht
ziger Jahren eine erschreckende Höhe erreicht. Die Schulverwaltung, die schäd
lichen Folgen solcher Überfüllung erkennend, war eifrig bemüht, Abhülfe zu schaffen.
Leider traf sie dabei häufig genug auf den Widerstand der Gemeinden. Durch
das Schulleistungsgesetz von 1887 wurden ihr vollends die Hände gebunden, wenn
sie durch Errichtung neuer Schulklassen und durch Anstellung neuer Lehrer die
Überfülluug zu beseitigen suchte. Nur ein Mittel blieb ihr, das nichts kostete
und dementsprechend half: Die Einrichtung neuer Schulklassen ohne gleichzeitige
Anstellung von Lehrkräften für dieselben. Stieg z. B. in einer einklassigeu Schule
die Schülerzahl über 80, und reichte das Schulzimmer nicht mehr aus, so wurden
dem Lehrer statt einer zwei Klassen übertragen und zwar mit verminderter Unter
richtszeit für jede Klasse, da die Zahl von 32 Schulstunden, zu der der Lehrer
höchstens verpflichtet werden konnte, nicht überschritten werden durfte. Ähnlich
half und hilft man sich noch jetzt bei mehrklassigen Schulen. So kommt es, daß
Preußen gegenwärtig zahlreiche dreiklassige Schulen mit zwei, vierklassige Schulen
mit drei, ja selbst 10—12klassige Schulen mit 8—10 Lehrern aufweist. Vom
pädagogischen Standpunkte aus können solche Einrichtungen natürlich nur als un
vollkommene gelten, trotzdem die allgemeinen Bestimmungen die Halbtagsschule
(2 Klassen = 1 Lehrer) und die dreiklassige Schule mit zwei Lehrern noch zu
den normalen Schuleinrichtungen zählen. Es wird durch sie nicht nur der Volks
bildung ein schwerer Schade zugefügt, sondern auch eine Unbilligkeit gegen den
Lehrer begangen. Mit jedem Schüler wächst des treuen Lehrers Verantwortung
und Mühe, und ihm für den gleichen Lohn statt einer zwei Klassen überweisen,
heißt unbillig gegen ihn handeln. Er kommt dann in die Versuchung, jene Un
billigkeil selbst auszugleichen, d. h. für gleichen Lohn auch nur gleiche Arbeit zu
leisten, und je höher die Schülerzahl steigt, desto weniger lernt der einzelne Schüler,
desto oberflächlicher wird er in erziehlicher Hinsicht behandelt. So wird der Schaden
vom Lehrer auf die Schüler abgewälzt. Nicht selten jedoch setzt der Lehrer lieber
Gesundheit und Leben aufs Spiel, als daß er sich durch Vernachlässigung seiner
Schüler zu helfen sucht. Diesen christlich gesinnten Lehrern, die sich lieber opfern
als ihre Pflicht gegen die ihnen anvertrauten Kinderseelen versäumen möchten,
sind die nachfolgenden Ausführungen gewidmet. Dieselben wollen zunächst durch

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