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I. Abteilung. Abhandlungen.
Diese Wahrheit scheint der Sprachmethodik bisher in vielen Kreisen
sehr verhüllt gewesen zu sein; denn in den sämtlichen sprachunterrichtlichen
Schriften ist höchst selten davon die Rede. Woher mag das kommen?
Bevor die schulmäßige Pflege der Sprache beginnt, ist die Mund
sprache schon sechs Jahre lang geübt worden; das Kind bringt daher schon
einen bedeutenden Sprachschatz mit. Bereits in dem vorschulpflichtigen
Alter ist das Bedürfnis befriedigt worden, ehe die Schule einsetzte. Die
Natur hat es selbst befriedigt.
Diese Thatsache ist selbstverständlich allen Schulmännern bekannt. In
dessen, wie es so oft geht, daß man eine nicht zu verkennende Thatsache ein
fach hinnimmt, aber nicht daran denkt, daß eine nützliche Lehre dahinter steckt,
so ging es auch hier. Daß jene Thatsache für die Sprachmethodik einen
Wink giebt, merkte man nicht. — Blicken wir zum Bergleich auf eine
andere Stelle des sprachlichen Lernens, auf den fremdsprachlichen Unterricht.
Hier läßt man bekanntlich Mund- und Schriftsprache von Anfang an zu
sammen auftreten. Das ist auch ganz richtig, da die Schüler für diesen
Bedarf bereits genügend lesen und schreiben können. Erst allmählich, und
zwar erst in neuerer Zeit, ist man darauf aufmerksam geworden, daß der
fremdsprachliche Unterricht weder in der Mundsprache noch in der Schrift
sprache den Erfolg hat, den man bei der reichen Stundenzahl und der
vielen häuslichen Übung erwarten sollte. Man hat sich auf die Ursache
besonnen und diese auch ganz richtig gefunden, nämlich darin, daß die
Mundsprache nicht genug gepflegt wird durch Lesen, Memorieren und
Sprechen. Demzufolge wird jetzt von vielen Schulmännern darauf ge
drungen, daß Ohr und Mund mehr in Übung genommen werden müssen
und zwar nicht bloß um ihrer selbst willen, sondern weil dann auch die
Schriftsprache dadurch gewinnt. Hätten die höheren Schulmänner den
Dörpfeldschen Grundsatz von der pädagogischen Wichtigkeit der Mundsprache
gekannt, oder die vorhin erwähnte Thatsache, wie in der Muttersprache die
Natur vorarbeitet, bedacht, so würden sie die erwähnte methodische Ver
besserung schon längst eingeführt haben. Weil auf ihrem Gebiet die Natur
nicht vorarbeitet, so haben sie erst Schaden erleiden müssen, um auf den
Fehler aufmerksam zu werden. Die Volksschullehrer, denen jene Vorarbeit
der Natur in der Muttersprache zu gute kommt, haben aber auch jenen
Naturwink nicht verwertet.
Wenn hier die Mundsprache betont wird, so geschieht das nicht bloß
um ihrer selbst willen, sondern gerade auch im Interesse der Schriftsprache,
kurz im Interesse der gesamten Sprachbildung. Die Schriftsprache gedeiht
eben am besten, wenn die Mundsprache voraus und mit besonderem Fleiße
gepflegt wird.

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