Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc.
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getreue Darlegung der Zustände aus dem Schulgebiete und ihrer Folgen die
Leiden jener Lehrer zur Anschauung bringen. Sodann aber wollen sie die Ur
sachen jener Zustände aufdecken und Mittel zur Abhülfe angeben. Möchte der
Hülferuf, in den sie ausklingen, nicht ungehört verhallen.
I. Thatsachen.
Welche Summe von Jammer und fruchtlosem Ringen unsere unvollkommenen
Schuleinrichtungen umschließen, kann nur der beurteilen, der selbst in ihnen ge
standen hat. Um auch dem Leser, der nicht Lehrer ist oder als Lehrer in gün
stigeren Verhältnissen arbeitet, davon eine Vorstellung zu geben, beginnen wir mit
der Schilderung der Zustände in einigen solchen Schulen. Die Darstellungen be
ruhen teils aus eignen Erfahrungen des Verfassers, teils auf mündlichen Be
richten von Lehrern, die au solchen Schulen arbeiten oder gearbeitet haben. Sie
werden sich von jeder Übertreibung fern halten und nicht bloß Schulen mit un
günstigen, sondern auch solche mit günstigen äußeren Verhältnissen beschreiben.
Zu den letzteren Schulen gehört z. B. die Halbtagsschule zu G. Ihr
Lehrer hat ein ziemlich hohes Gehalt, das ihn in den Stand setzt, aus Privat-
stuudeu und Nebenarbeiten zu verzichten und sich gänzlich der Schule zu widmen.
Die niederen Küsterdienste sind abgelöst, und der übrige Kircheudienst macht nicht
allzuviel Arbeit. Auch die socialen Verhältnisse des Schulortes sind günstige.
Bettelvolk und überreiche Besitzer fehlen. Dafür ist der mittlere und kleinbäuer
liche Besitz stark vertreten. Doch hat der Ort seit Jahrzehnten bei einer Ein
wohnerzahl von 600 Einwohnern eine Halbtagsschule von 110—120 Kindern
besessen, die zwar manchmal sehr tüchtige, oft aber auch schwache, ältere Lehrer
gehabt hatte, denen man zur Zeit des alten Peusioiisgesetzes mit Vorliebe solche
gut dotierten Stellen gab. An dieser Schule wirkte von 1880 -1892 der Lehrer
L., ein tüchtiger Lehrer von positiv-christlicher Gesinnung, der ebenso wohl den
Besuch des Wirtshauses als jede andre Art aufreibender Geselligkeit mied. Im
Alter von etwa 48 Jahren stehend, fand er die Schule in ziemlich zerrüttetem
Zustande vor, denn sein Vorgänger, ein altersschwacher Mann, hatte nicht ver
standen die Kinder zu regieren. In den 12 Jahren seiner Amtsthütigkelt hatte
die Schule folgende Einrichtung: die 60—70 Schüler der Ober- und Mittelstufe
besuchten die Schule vormittags etwa 18—20 Stunden wöchentlich. Von den
Stunden kamen auf Religion 5—6, nämlich 2 Stunden Katechismus, 2 biblische
Geschichte, 1 Lied und Perikope und 1 Bibellesen. Letztere war eigentlich eine
deutsche Stunde, die Lesestunde. Deutsch wurde in 5 Stunden erteilt, wobei auf
einen gesonderten Unterricht in Sprachlehre verzichtet wurde. Auf Rechnen wurden
2, auf Realien 3 Stunden verwendet, d. i. je 1 Stunde auf Geschichte, Erd-
uud Naturkunde. Dazu kamen 2 Stunden Schönschreiben und 2 Stunden Gesang.
Zeichnen und Turnen wurde gar nicht erteilt, letzteres deshalb nicht, weil weder
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