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I. Abteilung. Abhandlungen.
Mit andern Worten: hat das Können nicht einen Vorsprung, so kommr
die Sorge für die Richtigkeit (Grammatik) zu früh, macht zaghaft und
unsicher.
Diese Wahrheit wird auch noch durch eine Thatsache bestätigt, die
jeder Lehrer oft genug Gelegenheit hat zu beobachten, nämlich, daß manche
Kinder, wenn sie sich zu Hause oder unter ihres gleichen befinden, recht
beredt sind, während sie in der Schule nur sehr schwer zum Sprechen be
wogen werden können. Diese Erscheinung ist in der Regel darauf zurück
zuführen, daß ihnen die Korrektur in der Schule zu dicht auf den Fersen
gewesen ist, nämlich bevor das Können eine Strecke voraus war. Weil
in der Sprachrichtigkeit zu viel von ihnen gefordert wurde, so haben sie
auch an ihrer Fertigkeit gezweifelt und sind so unsicher und deshalb
scheu geworden. Die Richtigkeit muß man auf anderem Wege erlangen
als durch Kritik und Theorie, nämlich durch richtiges Vorsprechen, Lesen,
Reproduzieren u. s. w.
Werfen wir zum Vergleich noch einen Blick auf den fremdsprachlichen
Unterricht. Diejenigen Lehrer, welche bedenken, daß die Natur hier nicht
vorgearbeitet hat, wie sie es bei der Muttersprache thut, fassen vor allem
die Übungen ins Auge, die die mündliche Fertigkeit pflegen sollen, Hören,
Reden, Lesen. Geschieht das ernstlich, so daß in jeder Lektion nicht eher
weiter gegangen wird, bis sie vollständig in Ohr und Mund des Schülers
sitzt, sowohl im Lesen als auch in der Reproduktion, dann zeigt sich ein
ähnlicher Erfolg, wie bei dem jungen Kinde, das in der Mutterstube sich
in die Sprache einlernt, nämlich ein staunenswerter Fortschritt, den man
im Vergleich zu dem Herkömmlichen magisch nennen kann. Das Kind ge
winnt Sprachgefühl für das Richtige, außerdem das Bewußtsein, daß es
Fortschritte macht und damit einen Zuwachs an Interesse und Lust zu
diesem Lernen. Damit ist keineswegs gemeint, daß die schriftlichen Übungen
vernachlässigt werden sollen, nur soll das mündliche Üben so gepflegt werden,
daß in jeder Lektion die wünschenswerte Sicherheit und Fertigkeit im münd
lichen Ausdruck erlangt wird. Der gewonnene Schatz an Worten und
Satzformen soll dem Kinde jeden Augenblick disponibel sein.
Demnach gilt als ausgemacht:
Unter den Zielen des Sprachunterrichts muß die
Fertigkeit (das Können) so betont werden, daß es
einen Vorsprung gewinnt vor dem sprachlichen Wissen
(Grammatik u. s. w.).
Doch der erste Unterricht, wie ihn das Kind in der Familie erhält,
giebt uns noch den weiteren 'beachtenswerten Fingerzeig, daß das Kind

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