Die psychologisch-pädagogischen Grundsätze Dörpfelds. 331
naturgemäß die Sprache mit den Sachen lernt, nicht ohne dieselben. Dies
führt uns zu unserm dritten Grundsatz, welcher lautet:
3. Der fruchtbarste Boden der Sprachbildung ist nicht
das belletristische Lesebuch, sondern der Sachunterricht
(Naturkunde, Geschichte, Religion).
Betrachten wir diesen Grundsatz noch etwas näher.
Der Unterricht, wie er naturgemäß in der Familie von statten geht,
ist vereinigter Sach- und Sprachunterricht. Von einer Trennung weiß die
Natur auf dieser Stufe nichts. Das Kind erhält den Namen für eine
Sache, weil die Sache es interessiert, und daher schreibt es sich auch, daß
es nachher stets, wenn es etwas Neues sieht, fragt: Was ist das? Mit
hin geht der Unterricht, wo er naturgemäß von statten geht, von der An
schauung der Sache zur Sprache. Es ist daher wohl zu beachten, daß
das Interesse an der Sprache herkommt von den Sachen, daß es also ein
abgeleitetes Interesse ist. Darauf haben auch diejenigen Forscher hin
gewiesen, welche über den Ursprung der Sprachen geschrieben haben; indem
sie nachweisen, daß die sprachliche Bezeichnung von den Sachen entstanden
sei, namentlich von den Stimmen der Tiere. Der Sprachunterricht hat es
mit Formen zu thun, die als solche für den Schüler wenig oder gar kein
Interesse bieten. Was sein Interesse erregt, sind Sachen. Indem nun
die Sachen beim Sprachenlernen hinzutreten, gewinnt dieses Lernen an
Interesse, da dasselbe von der Sache auf die Sprache übertragen wird.
Schon Iacotot hat das gewußt, da er die fremdsprachlichen Übungen nicht
an abgerissenen Sätzen, sondern an einer interessanten Geschichte vornahm,
und die Herbartsche Schule befolgt ja auch diesen Rat. Vielleicht darf
auch daran erinnert werden, daß der älteste geschichtliche Bericht über
Sprachunterricht (1. Mos. 2, 19) etwas Ähnliches scheint sagen zu wollen.
Damit ist aber nachgewiesen, daß ein besonderer Gewinn darin steckt,
wenn der Sprachunterricht in Verbindung mit dem sachlichen Lernen ge
halten wird.
Diese psychologische Wahrheit ist glücklicherweise auch der Methodik
nicht mehr ganz fremd. Das bezeugt zunächst schon der Name Anschauungs
und Sprachunterricht, den die Pestalozzische Schule aufgebracht hat. Damit
war ausgesprochen, daß der Sprachunterricht am besten gedeiht, wenn er
in Verbindung mit den sachlichen Stoffen betrieben wird.
Ein weiteres Zeugnis dafür ist das, daß im Leseunterricht neben der
gewöhnlichen Schreiblesemethode die sog. Normalwörtermethode oder Real-
methode mit in Aufnahme gekommen ist. Diese Lehrweise sieht bekanntlich
ihren Vorzug darin, daß sie das Lesenlernen mit dem sachlichen Lernen
verknüpft.

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