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I. Abteilung. Abhandlungen.
Ferner zeugt dafür die Periode der sprachunterrichtlichen Methodik,
die mit Kellner, Mager, Wackernagel rc. eintrat. Ihr Hauptsatz gipfelte
in der Forderung: die sprachunterrichtlichen Übungen, Reden, Lesen, Gram
matik und Aufsatz, die bisher isoliert betrieben waren, sollten vereint wer
den zum einheitlichen Sprachunterricht in der Art, daß das Lesebuch den
Mittelpunkt bildet. Damit war ein Doppeltes ausgesprochen: einmal war
die Zerspaltenheit des Sprachunterrichts abgewiesen und statt dessen Einheit
gefordert. Dann aber, indem sie das Lesebuch in die Mitte rückte, so
that sie das mit dem Bewußtsein, daß nun die Sprachübungen nicht an
abgerissenen, inhaltlosen Formen vorgenommen würden, sondern daß sie
mit einem Gedankeninhalt zu thun hätten. Mit andern Worten: daß das
sprachliche Lernen mit dem Sachlernen verknüpft werde.
Von da an hat nmn immer mehr eingesehen, daß die Sprachbildung
nicht lediglich in den sprachunterrichtlichen Stunden gesucht werden darf,
sondern daß auch im Sachunterricht, in Religion, Geschichte rc. daraus
Bedacht genommen werden muß, damit der Schüler auch dort sprachlich
gefördert werde. — Und in Konsequenz dieses Gedankens ist dann als
weiteres Zeugnis auch bereits vielfach die Ansicht verbreitet, daß die Auf
satzübungen sich keineswegs bloß an das belletristische Lesebuch anschließen
dürfen, sondern ihren Inhalt auch aus dem ganzen Gebiete des Sach-
unterrichts nehmen müssen, weil sie dadurch gehaltvoller und mannigfaltiger
werden.
Mit dieser Forderung ist anerkannt, daß die Schriftsprache, wenn sie
gedeihen soll, ganz besonders auch auf dem Boden des Sachunterrichts er
wachsen muß. Diese Erkenntnis ist ohne Zweifel richtig; allein was hier
von der Schriftsprache gefordert wird, das gilt in erster Linie von der
Pflege der Mundsprache. Denn nicht nur jene, sondern der gesamte Sprach
unterricht kann nur gedeihe«, wenn er aufs engste mit dem Sachunterricht
verbunden wird. Die Sprachbildung, welche allein oder auch hauptsächlich
an dem belletristischen Lesebuch gewonnen wird, nennt Dörpfeld mit Recht
eine hochbeinige, stelzengängerische (Didakt. Materialismus, S. 69, Ges.
Schriften II. Bd. 2. Tl.). Zu dem schlichten Kleide des Volksschülers
paßt eben nur eine einfache, schlichte Sprache. Wie man es mit Recht
tadeln würde, wenn die Kinder der Volksschule in Putz und Flitter daher
gingen, so ist es noch vielmehr tadelnswert, wenn ihnen eine gezierte
Sprache angebildet wird, was dann leicht Einbildung und Unwahrhaftigkeit
im Gefolge hat.
Die Sprache erhält ihren Inhalt, die Vorstellungen, aus allen Ge
bieten des Wissens und Erkennens, also aus Religion, Geschichte, Natur
kunde u. s. w., kurz aus den Wissensfächern. „Sie empfängt," bemerkt

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