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I. Abteilung. Abhandlungen.
grüße Menge eigentümlicher Ausdrücke. Wenn man nun bestimmt im
Sinne hat, das sachliche Lernen für die Sprache in Dienst zu nehmen,
so müssen alle unterrichtlichen Übungen zu diesem Zwecke in Funktion ge
nommen werden. Der Sachunterricht bietet dem Schüler die Bereicherung
des Wortschatzes an, ob er dieselbe annimmt, ist die Frage. Werden aber
die sachunterrichtlichen Übungen, Hören, Reden, Lesen u. s. w. fleißig be
trieben, so wird aus der angebotenen Bereicherung eine thatsächliche.
Endlich noch eins, was seiner Bedeutsamkeit nach zu oberst hätte ge
stellt werden können.
Von einer Sprache, wie sie auf dem Boden der Wissenschaft sich aus
bildet, wird gefordert, daß sie klar, bestimmt und kurz sei. Jedes,
was davon abweicht, wird wissenschaftlich nicht geschätzt, sondern mißtrauisch
angesehen. Diese Eigenschaften der wissenschaftlichen Sprache fallen mehr
in die Augen, wenn man sie mit der belletristischen vergleicht, in der die
rhetorischen und poetischen Verzierungen hinzukommen. Schüler, die nur
rhetorisch geschult sind, ermangeln dieser Klarheit, Bestimmtheit und Kürze;
ihre Sprachbildung ist nicht gesund.
Was die Wissenschaft fordert, das fordert auch das praktische Leben
(man denke an Geschäftsaufsätze u. s. w.), nämlich diese selben Eigenschaften;
alle andern sind hindernd. So deckt sich das Sprachziel für das praktische
Leben mit den Anforderungen, welche auf wissenschaftlichem Gebiete gemacht
werden. Daraus folgt, daß die Sprachschulung vornehmlich diese wissen
schaftlichen Eigenschaften im Auge behalten muß; die Volksschule aber zwei
mal. Die höhere Schule muß später auch die litterarische oder rednerische
Schulung hinzutreten lassen. Hier hat die Pflege der belletristischen Seite
der Sprache guten Grund; aber die Volksschule hat nicht im Sinn, daß
ihre Schüler litterarisch oder rednerisch thätig sein sollen, sondern sie hat
genug gethan, wenn sie dieselben innerhalb ihrer Berufssphäre gut geschult
hat. Darum hat sie insonderheit diese Seite des Sprachunterrichts, also
die Eigenschaften der wissenschaftlichen Darstellung zu pflegen, nämlich Klar
heit, Bestimmtheit und Kürze. Wenn das aber geschehen soll, so ist klar,
daß die Sprache in erster Linie an den sachunterrichtlichen Fächern geschult
werden muß. Die Schulung an der belletristischen Litteratur aber wird
man hinzunehmen nicht um besonderer sprachlicher, sondern um allgemeiner
Kulturzwecke willen.
Wenn man nun zusieht, ob die Schulen, höhere und niedere, diese
Mahnung genugsam beachteten, so trifft mau auf eine Menge Thatsachen,
die das Gegenteil bezeugen. Lessing, ein Stilist ersten Ranges, geht be
kanntlich soweit, von der sprachlichen Darstellung zu sagen: Die größte

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