Die psychologisch-pädagogischen Grundsätze Dörpfelds. 335
Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit, und Diesterweg stimmt
diesem Diktum ausdrücklich zu, indem er dasselbe seinem Lehrbuch der
mathematischen Geographie als Motto vorsetzt.
Nimmt man diesen Probierstein und besieht danach unsere Zeitungs
litteratur und was alles auf praktischem und wissenschaftlichem Gebiete ge
boten wird, Geschichtsschreibung, Predigten u. s. w., um zu erkunden, ob
unsere Schulen, die höheren wie die niederen, den Lessingschen Satz wirklich
als Leitstern genommen haben, so wird man seltsame Entdeckungen machen.
In der That trifft man in der wissenschaftlichen Litteratur, um von der
andern zu schweigen, gute Stilisten im Sinne Lessings, nämlich solche, die
klar, bestimmt und doch kurz zu schreiben verstehen, verhältnismäßig so
selten, daß man meinen könnte, die Schulen hätten bei ihren Sprachübungen
jene drei Zierden des Stils gar nicht angestrebt. In Wahrheit haben sie
es doch gethan. Der mangelhafte Erfolg rührt nun daher, daß sie unseren
obigen dritten Grundsatz nicht beachtet, d. h. daß sie die sprachliche Schu
lung nicht in erster Linie auf dem Boden des Sachunterrichts gepflegt haben.
Wie können nun diese drei Grundsätze praktisch ausgeführt werden,
— und wie hängen sie mit der Frage vom Reallesebuch zusammen?
Ich will hier nur soviel darüber sagen, als zur nächsten Orientierung
des Lesers nötig ist. Vergegenwärtigen wir uns vorab noch einmal in
Kürze, was ausgeführt werden soll.
1. Besondere Pflege der Mundsprache, damit sie vor der Schriftsprache
immer eine gewisse Strecke voraus sei; — wohlgemerkt auch darum, weil
so die Schriftsprache am besten gedeiht.
2. Besondere Pflege des sprachlichen Könnens (Fertigkeit), damit das
selbe vor dem sprachlichen Wissen immer einen gewissen Vorsprung habe;
— wohlverstanden auch deshalb, weil auch das sprachliche Wissen (Richtig
keit) so am besten gedeiht.
3. Die Sprachbildung muß nicht bloß am belletristischen Lesebuche,
sondern ganz besonders an den drei sachunterrichtlichen Fächern gepflegt
werden, — aus vielen Gründen, namentlich aber deshalb, damit der
Schüler sich klar, bestimmt und kurz ausdrücken lernt.
Richten wir unsere Überlegung zunächst auf die ersten beiden Grund
sätze für sich allein (Mundsprache und Fertigkeit).
Was ist zu ihrer Ausführung zu thun?
Da die Mundsprache pädagogisch wichtiger ist als die Schriftsprache,
so folgt daraus, daß in erster Linie die Fertigkeit im mündlichen Ausdruck
gepflegt werden muß. Die Hauptmittel dazu sind: Lesen, Memorieren

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