Zur Reform der Klasseuorganisation.
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und Können, Geisteskraft und Interesse können nur dann stetig wachsen, wenn
das Neue an das bis dahin Erworbene sorgfältig und planmäßig angeschlossen
wird. Das System des jährlichen Lehrerwechsels trägt aber dem Zusammenhang
und der Einheitlichkeit viel zu wenig Rechnung.
Zunächst erhebt sich gegen die Bersetzungen am Schlüsse des Schuljahres
das Bedenken, daß die Lehrer einer vielklassigen Schule, die sich an derselben aus
den verschiedensten Gegenden zufällig zusammengefunden haben und die in ver
schiedenen Seminarien vorgebildet worden sind, auch in didaktischen und metho
dischen Fragen die mannigfaltigsten Ansichten ausweisen. Freiheit in der Methode,
besonders in Unterrichtsgaug und Stoffauswahl kaun niemanden zugestanden werden,
wenn die notwendige Einheitlichkeit gewahrt bleiben soll. Daher muß durch Be
sprechungen, Beschlüsse und wenn das nicht hilft, durch Anordnungen des Leiters
für eine straffe Uniformierung gesorgt werden, die sich bis auf die Formen im
Rechnen, die Züge der Schrift, die Terminologie in den einzelnen Fächern, die
Korrektur der Aufsätze rc. erstreckt, eine Fessel, welche die strebsamsten Lehrer am
meisten drückt und, da in der Individualität, die sich auch in pädagogischen An
sichten ausprägt, die stärkste Seite der Persönlichkeit liegt, gerade die besten Kräfte
des Lehrers lahm legt.
Doch auch bei der straffsten einheitlichen Regelung kann es nicht verhindert
werden, daß der Unterrichtsfaden bei jeder Versetzung zerrissen und dem Lehrer
die Anknüpfung des Neuen an das verwandte Alte erschwert wird, so daß manche
Resultate des vorausgegangenen Unterrichts unbeachtet liegen bleiben, und Herbart
macht deshalb den Schluß: Das Klassensystem zerreißt den Faden des Unterrichts
eben so oft, als der Schüler versetzt wird; nun muß aber der Unterricht ein
Kontinuum sein; folglich taugt das Klasseusystem nicht. (Pädagog. Gutachten über
Schulklassen und deren Umwandlung rc. Seite 258, auch 269. Ausg. von Bar-
tholomäi.) Man verweise nicht auf den Lehrplan. Derselbe kann auch bei der
größten Ausführlichkeit nur die Angabe des Stoffes enthalten, nicht aber die Art
und Weise der Durcharbeitung, durch welche sein Bildungsgehalt dem Schüler
erschlossen und zugänglich gemacht, der Lehrstoff erst in geistige Kraft umgesetzt
wird. Auf welchem Wege die Schüler den Stoff erworben haben, welches andere
Lehrmaterial mit ihm in Beziehung gesetzt worden ist, was sie daraus abstrahiert
haben und in wie weit sie das gewonnene begriffliche Material im Gebrauch wirklich
beherrschen können, das läßt sich im Lehrplan nicht einmal andeuten. Um das
zu erkennen, bedarf es einer fortgesetzten längeren Beobachtung der Schüler. Darum
sind in unserm jetzigen System grobe Täuschungen über einzelne Kinder kaum
zu vermeiden. Da sitzt neben einem Schüler, der seine häuslichen Arbeiten nicht
nur ausführlich und richtig, sondern auch in schöner Schrift und übersichtlicher
Darstellung anfertigt, ein anderer, dem von der Natur eine besondere Beanlagung
für das Schönschreiben versagt ist. Die Arbeiten des ersten treten mehr hervor,
machen einen gewinnenden Eindruck und werden infolge dessen besser censiert, als
die des anderen. Eines guten Tages aber stellt es sich zur Beschämung des Lehrers
zufällig heraus, daß jener seine Rechenaufgaben und Aufsätze stets von seinem
Nebenmanne, dem er vielleicht noch als Muster vorgehalten wurde, abgeschrieben
hat und nicht im Stande ist, die einfachste Aufgabe selbständig zu lösen. Und
derartige Fälle wiederholen sich nach jeder Versetzung. Am schlimmsten fahren
dabei die Schwachbegabten, welchen eine ununterbrochene Fürsorge am meisten
not thut.

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