Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc.
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oder gab die wunderlichsten Antworten, da weder religiöse Begriffe noch die nötigen
Worte vorhanden waren. Im deutschen Unterrichte trat der Memorierstoff nicht
so hervor als in Religion, war aber ebenfalls sicher eingeprägt. Doch zeugten
auch hier die zahlreichen Sprachfehler von Mangel an innerem Verständnis. Das
Lesen war im ganzen stümperhaft. Langes Anstarren und endliches Zusammen
stottern der längeren Worte führte bei gewissenhaften aber langsamen Schülern
zu großen Zeitverlusten, bei oberstächlichen Kindern aber erzeugte das Bestreben,
schnell zu lesen, die ergötzlichsten Lesefehler. *) Im Aufsatz fehlte jede Fähigkeit
zu eigenem Gedankenausdruck. Die Aufsätze mußten notgedrungen so lange be
sprochen werden, bis die Schüler den Wortlaut auswendig konnten. Daun kamen
trotz mehrmaliger Durchsicht und Abschrift noch immer Fehler vor, da viele Schüler
selbst zum genauen Abschreiben unfähig waren. Diktate von wenigen Reihen er
gaben bei manchen Schülern oft Dutzende von Fehlern, trotz Bekanntschaft mit
den wichtigsten Regeln der Rechtschreibung. Im Rechnen war das Kopfrechnen
ganz in den Hintergrund getreten, der geringen Rechenstuuden und vielen Ab
teilungen wegen. Daher fehlte ei» Operieren mit wirklichen Zahlvorstellungen,
und das ganze Rechnen war eigentlich nur ein nach äußeren Analogien sich voll
ziehendes Erraten von Zahlennamen. * 2 ) In den Realien waren einige durstige
Wissensstoffe des Realienbuches von Pollack eingeprägt; ein denkendes Erfassen
des Stoffes oder ein erwachendes Jntereste, das sich etwa durch Fragen geäußert
hätte, war auch hier nicht zu spüren. Die Schrift in den Schönschreibheften war
regelmäßig, in den übrigen Heften dagegen sehr flüchtig. Nur der Gesang war
rein und schön.
Ein solcher Zustand einer Schule könnte vielleicht bei oberflächlich Urteilenden
die Meinung entstehen lassen, es habe der Lehrer seine Schuldigkeit nicht gethan.
Allein damit würde man ihm Unrecht gethan haben. Manches zwar erklärte sich
aus den, der Regulativzeit entsprechenden pädagogischen Anschauungen des Lehrers.
Dazu kam die vom Geistlichen erzwungene Bevorzugung der fürs kirchliche Leben
wichtigen Fächer, ferner die spätere Kränklichkeit des Lehrers, der oft ausfallende
Unterricht, der besonders in der Vakanzzeit sehr unregelmäßig gewesen war und
*) Z. B- noch Zucker (zuckend) mit des Panthers Zähnen zerreißen sie des Fein
des Herz.
2 ) Folgende Episode aus einer Rechenstunde mit Kindern des 2. und 3. Schuljahres
möge das veranschaulichen:
Lehrer: 10 X 9 ? Einige Kinder melden sich. Antwort 90.
„ 10 X 7 ? „ „ „ „ „ 70.
„ 10 X 5 ? Es melden sich mehr Kinder „ 50.
„ 10 X 3 ? X 8 ? X 4 ? Fast alle Kinder antworten 30, 80, 40.
„ 10 X i ? Wenige Kinder melden sich. Antwort: Einzig!!
Damit vergleiche man Antworten wie: i + 7 = 17 oder: Drei Zehnmarkstücke
sind 13!! Mark.

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