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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Ob diese Gründe schwer genug in die Wagschale fallen, um die Frage nach
Durchführung der Schulklassen verneinen zu müssen, möge der Leser selbst ent
scheiden. Die Konferenz war einstimmig gegenteiliger Ansicht.
Als Normalschule sieht Tews die acht- oder siebeuklassige Schulanstalt an, weil
nur in dieser eine völlig ungestörte Ausführung des oben gekennzeichneten Systems
möglich ist. Doch sind in wenigklassigen Schulen, wie aus den der Abhandlung
beigefügten Tabellen ersichtlich ist, die Störungen nur geringe. So würde z. B.
bei der vierklassigen Schule, die Dörpfeld unter Zugrundelegung der bestehenden
Verhältnisse als Normalschule betrachtet, sowie bei der dreiklassigen Schule der
einzige Umstand Bedenken erregen, daß jeder Lehrer in jedem 8. Jahre das 8. und
1. Schuljahr «gemeinschaftlich unterrichten müßte.
Die Frage der Schul- und Klassenorganisation ist auch auf dem 8. deutsche»
Lehrertage zu Berlin erörtert worden. Die für diese Versammlung festgestellten
Leitsätze haben folgenden Wortlaut:
1. Die Volksschule kann ihre erziehliche und unterrichtliche Aufgabe nur er
füllen, wenn Schule und Haus, Lehrer und Schüler in eine dauernde innige
Verbindung treten und zu einer pädagogischen Gemeinschaft verwachsen, die über
das Schulleben und die Schuljahre hinausreicht.
2. Derartige pädagogische Gemeinschaften können sich der jetzigen flüchtigen
Berührung, wie sie durch die jährlichen Versetzungen von einem Lehrer zum andern
besonders in vielklassigen Schulen großer Ortschaften bedingt wird, nicht entwickeln.
3. Mit der längeren Dauer erhöht sich in der Regel auch der ethische und
intellektuelle Wert der pädagogischen Gemeinschaften, weswegen diese unter normalen
Verhältnissen vor Erreichung der gesteckten Ziele nicht gelöst werden sollten.
4. Betreffs des Unterrichts gilt Herbarts Wort: Das Klassensystem zerreißt
den Faden des Unterrichts bei jeder Versetzung; nun muß aber der Unterricht ein
Kontinuum sein; folglich taugt das Klassensystem nicht.
5. Die Durchführung der Volksschulklassen vom 1. bis zum 8. Schuljahr,
bezw. bis zum Übertritt in andere Anstalten ist mithin als die normale Ein
richtung zu betrachten.
6. Die in einzelnen deutschen Volksschulen gebräuchliche Durchführung durch
2 bis 4 Jahreskurse ist dem jährlichen Lehrerwechsel gegenüber bereits als ein
Fortschritt zu betrachten.
7. Der 8. deutsche Lehrertag empfiehlt den Schuldirigenten, an ihren An
stalten der Weiterführung der Klassen seitens einzelner Lehrer ohne zwingende
Gründe nicht entgegenzutreten.
Es ist erfreulich, daß man in Lehrerversammlungen den notwendigen Grund
lagen unserer Schulthätigkeit größere Aufmerksamkeit zuwendet. Möchte das Interesse,
welches die von Tews angeregte Frage der Klassenorganisation in Lehrerkreisen
gefunden hat, sich auch weiterhin auf das wichtigere und schwierigere Problem der
Schulversassung ausdehnen, denn auf diesem Gebiete thut es besonders not, daß
wir Lehrer zu einer selbständigen, nicht im Banne einer einseitigen politischen
Parteirichtung, sondern auf dem Grunde der Pädagogik stehenden Ansicht ge
langen. Dams.

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