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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
nach hat diese Lehrart nur ein Gesetz: so zu beschreiben, daß der Zög-
ling zu sehen glaube. Daher auch der Name; denn darstellen heißt: vor
das Auge hinstellen. — Das Ohr muß Auge werden.
Da das einzige Haupt mittel dieser „Darstellung" die Sprache ist, —
Bilder, Karten u. s. w. sind eben nur Hülfsmittel — so folgt schon aus dem
bisherigen im allgemeinen, daß nur die Sprache in ihrer vollkommensten Gestalt,
das freie, mündliche Lehrerwort, jene eigenartige Aufgabe zu lösen ver
mag; sowie ferner, daß die Unterrichtssprache möglichst konkret sein muß, d. h.
so, daß die Worte auch die entsprechenden Borstellungen wirklich treffen und wecken.
Die weiteren Erörterungen über die methodischen Maßnahmen, welche der
d. U. bei jeder Lektion zur Erreichung seines Zweckes erfordert, schloß Ref. an
drei der bekanntesten, in hiesigen Kreisen viel gebrauchten Jahrbücher an, indem
er zeigte, wie jedes derselben bei allen sonstigen Vorzügen in seiner Weise von den
Prinzipien des anschaulichen Unterrichts abweicht.
1. Nissens „Unterredungen über die bibl. Geschichte" verfolgen fast aus
schließlich den Zweck, in kunstmäßiger Katechese die Lehre aus der Geschichte zu
entwickeln. Dabei bekümmert der Verfasser sich meistens um die Geschichte sehr
wenig, nachdem er dieselbe vorher kurz mit Bibelworten erzählt und dann einge
prägt hat. So behandelt er z. B. die Geschichte: „Abraham bittet für Sodom"
nach folgender Disposition: Die Fürbitte: 1. Wie sie beschaffen ist; a) sie fließt
aus Liebe, b) sie wird dargebracht in Demut o) und mit Vertrauen. 2. Was
sie wirkt; a) Segen für den, dessen Sache geführt wird, b) Segen für den, der
die Fürbitte thut. — Dem stolzen Lehrgebäude fehlt nur leider vor allem ein
solides Fundament, nämlich das Pestalozzische Fundament der Anschauung.
Zwar schwebt es nicht ganz in der Luft; sofern der Verfasser die Geschichte oder
Beispiele aus dem Leben heranzieht, sind wenigstens einzelne Stützen vorhanden;
aber ein festgefügtes zusammenhängendes Fundament ist das nicht. Eine volle,
lebendige Anschauung, die anch -die Voraussetzung für die rechte Einwirknng auf
Gemüt und Willen ist, d. h. die Erbauung, die giebt nur eine ausführliche,
detaillierte ausmalende Darbietung der Geschichte. Der Bibeltept gleicht in den
meisten Fällen einer Zeichnung, die eine Handlung oder Begebenheit in großen
Umrissen darstellt. Ein Kunstkenner sieht auch hierin die geniale Hand des
großen Meisters; aber zu dem gewöhnlichen Laien spricht doch die Zeichnung nicht
so wie ein vollständig ausgeführtes und koloriertes Gemälde. Ref. erinnert daran,
was Dörpfeld (Gesammelte Schriften, Bd. III) und Schüren schon vor 30 Jahren
in dieser Sache geschrieben haben.
Dem tiefeingewurzelten Vorurteil gegenüber, daß bei einer solchen Vor
führung der Geschichte das Bibelwort nicht zu seinem Rechte komme, mag darauf
hingewiesen werden, daß die bibl. Geschichte nach der mündlichen, freien Darbietung
erstlich in der Schule gelesen, dann von den Kindern zu Hause durchgelesen und
schließlich noch im Anschluß an das Bibelwort wieder erzählt wird.
Ein interessantes Beispiel von der Wirkung des ausführlichen, anschaulichen
Erzählens teilt Referent aus dem Leben des Pfarrers Stäheli in St. Gallen mit,
der in einer privaten, freiwilligen Kinderlehre aus solche Weise mehr als 200
Knaben und Mädchen an diese Lehrstunden fesselte und in der Selbstbeschreibung
seiner Lehrart am Schlüsse sagt: „Versetzt euch erst selbst, und dann versetzt die
Kinder an Ort und Stelle; erst wenn sie selbst alles sehen und hören, als wären
sie dabei, wird der Eindruck lebendig. Hüllt die Lehren und Anwendungen in

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