Konferenz des ev. Lehrervereins Minden-Ravensberg.
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die Erzählung selbst ein. Der Kinder Verstand, Selbstdenken, Einbildungskraft
und sittliches Gefühl wird durch solche Worte aufgeweckt und geübt."
2, Wangemann erzählt die Geschichte selbst noch kürzer als Nissen, wahr
scheinlich deshalb, weil er für die Unter- und Mittelstufe schreibt und der irrigen
Ansicht ist: je jünger die Kinder desto knapper muß der Erzählstoff sein. Aber
als erfahrener Schulmann weiß er, daß bei einer so kurzgefaßten Erzählung die
Auffassung seitens der Kinder eine unvollkommene, auch oft schiefe und falsche sein
muß. Um diesem Übel vorzubeugen schickt er der Erzählung eine meistens recht
lange Vorbereitung vorauf, die indessen nicht mit der Dörpfeld-Zillerschen Vor
bereitungsstufe (Analyse) zu verwechseln ist.
Die Wangemannsche Vorbereitung besteht gewöhnlich aus mehreren Abschnitten,
oft vier oder mehr, die, aus den verschiedensten Gebieten entnommen, unter sich
in gar keinem Zusammenhange stehen, und deren Beziehung zur Geschichte selbst,
die ja erst noch folgen soll, die Kinder jetzt noch nicht kennen. So wird z. B.
bei der Geschichte Josephs in den Vorbemerkungen geredet von dem sog. Angeben,
wann es recht oder unrecht sei, von den Träumen, ob sie etwas bedeuten oder
nicht, von dem Lande Ägypten, von Kundschaftern, von dem inneren Zustande der
Brüder u. s. w. Nach dem Vorerzählen folgen dann noch Fragen und Be-
nierkungen teils zur nachträglichen Veranschaulichung und Erläuterung, teils zur
erbaulichen Betrachtung und Anwendung.
Es liegt auf der Hand, daß auf diese Weise ein einheitliches, klares Bild in
der Seele des Kindes nicht entstehen kann. Eine so behandelte Geschichte gleicht
einem Gemälde, bei welchem die Hauptfigur isoliert in der Mitte steht, der Hinter
grund etwa auf einem besonderen Felde rechts, die Umgebung ebenso links, die
Tugenden oder Untugenden der dargestellten Personen in allegorischen Figuren oben,
und eine andere Episode aus derselben Geschichte in verkleinertem Maßstabe unten.
So malt ein Künstler, der mit seinem Bilde eine bestimmte Wirkung erzielen will,
bekanntlich nicht.
Im Gegensatze hierzu verwebt der darstellende Unterricht alle jene Zuthaten
oder Seitenstoffe, wie sie Dörpfeld nennt, welche Wangemann vorher oder nach
her giebt mit in die Erzählung selbst, mit der sie ja in Wirklichkeit organisch
verbunden find; denn sie enthalten einerseits die äußeren (geographischen, kultur
historischen u. s. w.) Verhältnisse, in denen sich die Handlung bewegt, andererseits
das innere (psychologische) Triebwerk der handelnden Personen und drittens die
religiös-ethische Beleuchtung und Beurteilung ihrer Gesinnung.
Wie die Teile eines lebendigen Organismus einander bedingen, so empfangen
jene Nebenstoffe erst von der Geschichte Interesse und Leben und leisten ihrerseits
dieser auch einen wichtigen Dienst, indem dieselbe durch Verbindung mit ihnen
anschaulicher und verständlicher wird. Giebt man sie nach der Erzählung, so ist
die Folge, wie Schüren sagt, daß die Kinder beim Erzählen nur schwer, beim
Abfragen oft gar nicht zu halten sind, zumal da sie unter dem Eindrücke stehen,
als handele es sich nun vorzugsweise um das Einprägen. Wir haben wahrlich
keinen Grund, diejenigen Partien des Unterrichts, wo die erzwungene Aufmerk
samkeit die unwillkürliche leider häufig ersetzen muß, noch unnötigerweise zu ver
mehren. Wie sehr diese Verflechtung der Ergänzungsstoffe in den genetischen
Gang der Erzählung geeignet ist, die Aufmerksamkeit der Schüler dauernd zu
fesseln, illustriert Res. durch Beispiele aus der Erfahrung und widerlegt sodann
den oft geäußerten Einwand, daß dadurch der Fortgang der Geschichte über Ge

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