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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
bühr aufgehalten werde. Denn es ist niemand genötigt, diese Zwischenstoffe zu
weit auszudehnen; wenn einmal einer von denselben eine längere Betrachtung er
fordert, so verschiebt man diese bis zur Repetition oder verweist sie in die Denk
stufe. — Die Denkstufe wird ja durch den darstellenden Unterricht keineswegs
überflüssig, wohl aber erfährt sie durch denselben eine wesentliche Förderung und
Erleichterung, da die anschaulich erzeugten Vorstellungen ein geeigneteres Material
für die Denkoperation abgeben.
Auch Wangemann hat für die Entwicklung der Hauptlehren eine gesonderte
Denkstufe unter der Bezeichnung: „Verbindung des Spruches oder Liedes."
Diejenigen Lehren und Anwendungen jedoch, die sich kurzerhand ergeben,
kommen im Laufe der ausführlichen Erzählung sofort zur Aussprache. — Schließ
lich bemerkt Res. noch, daß der im Vorstehenden dargelegte Grundsatz gleicherweise
auch auf die übrigen erzählenden Lehrstoffe: Vaterländische Geschichte und die be
treffenden Lesestücke Anwendung findet?)
3. Witt erfüllt in seinen „Bibl. Geschichten mit Bibelwort und freier
Zwischenrede" alle bisher besprochenen Bedingungen einer anschaulichen Darstellung;
er geht sogar noch insofern darüber hinaus, als er auch das der Denkstufe zu
kommende Teil mit in die Erzählung einsticht. Gleichwohl vermissen wir bei
ihm ein sehr wichtiges methodisches Mittel, das der Darstellung zur Erzielung
einer möglichst vollkommenen Anschauung neben den übrigen noch für notwendig
erachtet. Man gewinnt nämlich bei Witt sofort den Eindruck, daß die Kinder
einem so langen zusammenhängenden, oft predigtartigen Vortrage nicht bis zu Ende
folgen können. Der Lehrer muß sich deshalb von Zeit zu Zeit durch eingestreute
Fragen überzeugen, ob sie auch wirklich aufmerken und die Sache richtig auffassen.
Diese Fragen haben aber auch noch einen weitergehenden Zweck. Sie nötigen
das Kind, die apperzipierendeu Vorstellungen, die zur Bildung neuer Vorstellungen
nötig sind aus seinem Innern herbeizuschaffen. Die Frage ist also auf dieser
Stufe eine Aufforderung an die Schüler, sich den Gegenstand selbst vor die
Augen zu stellen. Diese selbstthätige Mitwirkung der Kinder ist von
großer Bedeutung, auch schon für die Gewinnung einer klaren, lebendigen Anschauung.
Denn die Aktivität, in die die Frage sie versetzt und vermöge welcher sie sich den
Stoff selbst erarbeiten und erwerben, giebt den erworbenen Anschauungen einen
ganz anderen Wert, nicht allein eine größere Klarheit, sondern auch eine größere
Festigkeit und Triebkraft zum Behalten und Weiterstreben. In diesem Sinne
faßte auch Pestalozzi die „Erkenntnis" auf, nämlich als Erkenntniskraft und
i) Wie man auch in den beschreibenden Lehrfächern, Geographie und Natur
kunde. in ähnlicher Weise darstellend verfahren kann, indem man das Nebeneinander in
ein Nacheinander verwandelt, zeigt Lessing im Laokoon an der Darstellungsweise
Homers, des anschaulichsten aller Dichter: z. E. will Homer uns den Wagen der
Juno sehen lassen, so muß ihn Hebe vor unsern Augen Stück für Stück zusammensetzen. —
Will uns Homer zeigen, wie Agamemnon bekleidet gewesen, so muß sich der König seine
völlige Kleidung vor unsern Augen Stück für Stück umthun. Wir sehen die Kleider,
indem der Dichter die Handlung des Bekleidens malt. — Homer malt den Schild des
Achilles nicht als einen fertigen, vollendeten, sondern als einen werdenden Schild. Er
hat sich also auch hier des gepriesenen Kunstgriffes bedient, das Koexistierende in ein
Konsekutives zu verwandeln, und dadurch aus der langweiligen Malerei eines Körpers
das lebendige Gemälde einer Handlung zu machen. Wir sehen nicht den Schild, sondern
den göttlichen Meister, wie er den Schild anfertigt. — Nun ist er fertig, und wir er
staunen über das Werk, aber mit dem gläubigen Erstaunen eines Augenzeugen, der es
hat machen sehen.

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