Konferenz des ev. Lehrervereins Minden-Rovensberg.
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Erkenntnistrieb. Diesterweg, der ihn hierin vor anderen recht verstanden hat,
zog auch die Konsequenzen und stellte die Selbstthätigkeit als nächsten Zweck
der Erziehung hin. Doch hat man bisher die Erziehung zur Selbstthätigkeit zu
einseitig auf die Denkthätigkeit und die Anwendungsstufe beschränkt. Warum sollte
sie nicht zuerst und vor allem auf der so wichtigen Stufe der Anschauung ihren
Platz haben? Es ist in der That kein Grund vorhanden, daß man den Kindern
in den Schoß schüttet und vorsagt, was sie selbst erwerben und finden können.
Wie viel das letztere sein kann, darüber läßt sich eine Regel selbstverständlich
nicht geben. Kennt das Kind z. B. die Gedanken, Gefühle und Entschlüsse einer
handelnden Person, also die Motive der Handlung, so wird es leicht auf das
Verhalten derselben schließen können, ebenso lassen sich in vielen Fällen die natür
lichen Folgen des Verhaltens erraten. Im allgemeinen wird sich auch hier in der
Beschränkung der Meister zeigen, damit der Gedankenfortschritt nicht zu sehr auf
gehalten werde.
Res. schließt mit dem Wunsche, daß bald ein viertes Lehrbuch möge genannt
werden, welches, im Geiste der genannten ehrwürdigen Verfasier geschrieben, eine
Behandlung der biblischen Geschichte nach allen Regeln des darstellenden, d. h.
anschaulichen Unterrichts bietet. —
In der sich anschließenden Debatte wurde hervorgehoben, ob bei einer so
breiten, detailliert ausmalenden Behandlung vielleicht die Denkstufe nicht zu kurz
komme und z. B. im bibl. Geschichtsunterricht die religiös- sittlichen Wahrheiten
nicht zu ihrem vollen Rechte gelangten. Im übrigen finde wie auf der An
schauungsstufe, so auch auf der Denk- und Anwendungsstufe eine Vergleichung statt.
Wie weit solle hier gegangen und was den einzelnen Stufen zugewiesen werden?
Ja, das Vergleichen selbst sei ein Denken; was habe dies nun für die Denkstuse
zu besagen? Man versuche oft Dinge zu erfragen, die ebenso wenig zu erlangen
sind, wie „ungelegte Eier;" außerdem sei der darstellende Unterricht außerordent
lich schwierig. Es wurde nun nachgewiesen, daß eben in der Anschauungsstufe
die Grundlage für die folgenden Unterrichtsoperationen liege und die Darstellung
für Denken und Anwenden unbedingt notwendig sei. Man dürfe die Ver
gleichung auf der Anschauungsstufe nicht mit der Vergleichung auf den anderen
Stufen verwechseln, dort handele es sich um eine möglichst vollkommene und klare
Darstellung, hier um abstrakte Wahrheiten und deren Anwendung. Die Weite
und Ausdehnung der Vergleichung müsse nach dem Vorstellungs- und Anschauungs
kreise der Kinder für den betreffenden Unterrichtsstoff bemessen werden, wobei ge
rade die Konzentration von der größten Bedeutung sei. Erfragt werden könne
nur das, was im logischen Zusammenhange mit dem Vorausgehenden stände, und
es sei selbstverständlich, daß etwas Neues den Kindern einfach gegeben werden
müsse, aber darstellend. Allerdings sei der darstellende Unterricht nicht leicht, doch
dürfe das nicht abschrecken; denn die Erfolge würden die Mühe und Arbeit
lohnen.
Nach diesen Ausführungen herrschte eine freudige Übereinstimmung; der
darstellende Unterricht wurde als die beste Methode anerkannt und der Wunsch
ausgesprochen, diese in der nächsten Konferenz in einer Lektion oder Präparation
vorzuführen.
Dörpfelds Einfluß auf pädagogischem Gebiete macht sich in Minden-Ravens
berg immer mehr geltend und fleißig werden seine Schriften studiert.
Qu. v. H.

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