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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
21. Hauptversammlung des Vereins für Herbartsche
Pädagogik in Rheinland und Westfalen
in Mülheim a. d. R. den 27. Juli 1895.
, An einem schönen, warmen Sommernachmittage sammelte sich eine stattliche
Anzahl von Lehrern und Schulfreunden in dem großen Saale der lieblich über
der Ruhr gelegenen Gartenwirtschaft am Kahlenberge bei Mülheim.
Der Vorsitzende, Rektor Horn, eröffnete um 4^ Uhr die Sitzung und schritt
zunächst zur Wahl des zweiten Vorsitzenden. Hanptlehrer Hindrichs-Barmen wurde
gewählt.
Herr Grün well er-Saarn gab alsdann eine kurze Zusammenfassung des
zweiten Kapitels seiner gedruckt vorliegenden Abhandlung über Herbarts Ethik,
indem er die Principien dieses ethischen Systems darlegte. Die Diskussion mußte
sich der kürz bemessenen Zeit wegen ans diesen Punkt beschränken und daher das
interessante erste Kapitel mit übergehen, das den notwendigen innern Zusammen
hang von Ethik und Pädagogik behandelte und u. a. mit Recht aussprach, wer
die Herbartische Ethik nicht kennte, verstünde auch noch nicht das A B C der
Herbartischeu Pädagogik. Bezüglich der ethischen Principien wurde zunächst dem
Referenten vorgehalten, daß er entgegen seinem selbst ausgestellten methodischen
Princip nicht hinreichend induktiv verfahren sei, d. h. daß er bei der Bestimmung
des Begriffs des Sittlichen zu wenig die thatsächlichen sittlichen Zustände und Ge
dankenkreise, wie sie sich z. B. in der Sitte und dem diesbezüglichen Sprachgebrauch,
namentlich dem von gut und schlecht, darstellen, berücksichtigt habe. In einer Zeit
nämlich, wo die Kreise des Volkes, die sich überhaupt noch mit sittlichen Fragen
theoretisch befassen, wie die Gesellschaft für ethische Kultur oder die durch die
Namen Wuildt, Paulsen und Spencer gekennzeichneten philosophischen Gruppen,
über Herbarts Ethik so gut wie völlig zur Tagesordnung übergegangen seien, gelte
es, wenn man der letzteren wirklich eine Machtstellung im Volksleben und in
der Pädagogik insbesondere erkämpfen wollte, vor allem, sich mit jener neueren
ethischen Anschauungsweise auseinander zu setzen, die durch das Princip der geschicht
lich-socialen Betrachtungsweise und des Entwicklungsgedankeus so einflußreich sich
durchgesetzt habe. Und wiederum in einer Zeit, wo weite Kreise schon von
Anschauungen wie Nietzsches „Jenseit von Gut uud Böse" sich beeinflussen
lassen, sei es wichtiger, bei den elementarsten Fragen der Ethik, wie eben z. B. dem
Begriff von Gut und Schlecht, gründlich zu verweilen, als sofort zu einer aus
führlichen Konstruktion der fünf Ideen überzugehen. Namentlich müßte aber, wenn
die Ethik Herbarts vertreten wird, z. B. dem Vorwurf begegnet werden, daß diese
Ethik einerseits zu individualistisch sei, das Individuum von seiner Gemein
schaft, dessen Produkt es auch seiner Sittlichkeit nach zum guten Teile sei, abstrakt
isoliere, andrerseits zu formalistisch, d. h. es nur mit Willeusverhältnisseu zu
thun habe, dagegen den Inhalt und Gegenstand des Handelns, das Handeln selbst
als sittlich indifferent beiseite schiebe. Es sei also z. B. zu untersuchen, wie
Paulsens Unterscheidung füglich zu widerlegen ist, daß nämlich jede Handlung zu
einem doppelten Urteil Anlaß gebe, einem subjektiv-formalen über die Gesinnung
der Person und einem objektiv-materialen über die Handlungsweise selbst; einem
Urteil, das nach den Motiven, und einem zweiten, das nach den in der Natur der
Sache liegenden Wirkungen fragt. In der That bleibe das natürliche Urteil durch

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