Verein für Herbartsche Pädagogik in Rheinland und Westfalen. 357
die Konstruktion des Wohlwollens z. B., die das Wesen desselben in den
Einklang zweier Willen setzt, leicht unbefriedrigt; der Name schon scheine daraus hin
zuweisen, daß das Sittliche dieser Idee eben darin liege, daß es das Wohl des
andern wolle, auch völlig abgesehen davon, ob das Handeln mit dem Wollen des
andern übereinstimme oder nicht; und die Idee der Billigkeit darauf zu begründen,
daß eine beabsichtigte Wohlthal eine Störung hervorrufe und daher mißfällt,
leuchte auch manchem nicht ein. Jedenfalls aber dürfe der Referent nicht ableugnen,
daß Herbarts Jdeenlehre wirklich durchweg formaler Art wäre, da er ja selbst
ihre Unterordnung unter die Ästhetik konstatiert habe, und die Ästhetik habe es
ja eben nur mit der Beurteilung von Formen zu thun.
Durch die vorstehenden Einwendungen, die im wesentlichen den Ausführungen
des Herrn Dr. von Rohden entsprechen, wurde in dankenswerter Weise Richtung,
Ziel und Gehalt der Debatte bestimmt. Es ist nicht zu leugnen, daß die vor
geführten Gedanken Fragen principieller Natur vorlegen, deren Beantwortung für
die Stellungnahme zum ethischen System Herbarts von entscheidender Bedeutung ist.
Den erwähnten Einwürfen gegenüber wurde etwa folgendes geltend gemacht:
1. Das methodische Princip der Induktion konnte naturgemäß in dem be
schränkten Rahmen eines Konferenzvortrages nicht in dem Maße zur Geltung
kommen, wie es in einer ausführlichen Darstellung der Ethik hätte geschehen sollen.
Die gerügte Unterlassung glaubte der Referent auch schon aus dem Grunde ein
treten lassen zu dürfen, weil der empfohlene methodische Gang aus den in der
letzten Zeit veröffentlichten und als bekannt vorausgesetzten erfolgreichen Arbeiten
Dörpfelds auf diesem Gebiete, worauf nachdrücklich hingewiesen wurde, klar er
sichtlich sei.
2. Der Vorwurf, daß Herbarts Ethik zu individualistisch sei, „daß sie das
Individuum von der Gemeinschaft isoliere, deren Produkt es auch seiner Sittlich
keit nach zum guten Teil sei," dürfte unbegründet sein. Ist die Sittlichkeit des
einzelnen wirklich zum guten Teil ein Produkt der Gemeinschaft? Die Frage
läßt sich nicht so kurzer Hand beantworten. Denken wir an die socialen
Gebilde, z. B. Familie und Staat, so läßt sich vielleicht mit mehr Recht die
entgegengesetzte Behauptnng aufstellen, nämlich, daß die Sittlichkeit der Gesellschaft
ein Produkt einzelner sei. Soll es im Staate oder in irgend einer anderen Ge
sellschaftsform in sittlicher Beziehung besser werden, so muß der einzelne an seiner
sittlichen Vervollkommnung zu arbeiten anfangen. Die Geschichte lehrt es uns zur
Genüge, daß die sittliche Wiedergeburt eines Volkes stets auf die vorbildliche Er
scheinung und segensreiche Wirksamkeit hervorragender Persönlichkeiten zurückzuführen
ist. Wenn es nun soweit gekommen ist, daß man von einer sittlichen Gesellschaft,
oder besser gesagt: von einer Sittlichkeit der Gesellschaft sprechen kann, so findet
naturgemäß in sittlicher Beziehung eine Reaktion auf das Einzelwesen statt. Im
Grunde genommen ist aber auch diese Rückwirkung nur ein Resultat individueller
Beziehungen. Die Träger der Sittlichkeit sind stets die einzelnen Vernunftwesen,
die dem abstrakten Begriff der Gesellschaft einen konkreten Inhalt geben.
Oder soll der berührte Vorwurf etwa das sagen, daß Herbart nicht genügend
die mannigfachen thatsächlichen Beziehungen in Betracht gezogen habe, die das
mannigfaltige Gemeinschaftsleben des Individuums darbietet? x ) Das zu beweisen,
0,3)61 Einwand ist wohl so gemeint: die Bedeutung der Sitten und der herrschenden
Sitte für die Sittlichkeit des einzelnen und der Völker kommt nicht zur genügenden, prin
cipiellen Geltung. Man prüfe z. B. den inneren Zusammenhang des Sittengesetzes mit
dem sog Ceremonialgesetz im A. T. D. Schriftl. 27

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