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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
würde sehr schwer sein. Bisher hat noch niemand zu beweisen vermocht, daß
Herbarts Ethik das denkbar vielseitigste Gemeinschaftsleben nicht zu umfassen
vermöge. Es ist vielmehr ein besonderer Vorzug der Herbartischen praktischen
Philosophie, daß sie auf alle menschlichen Verhältnisse, soweit es sich eben um
eine absolute Wertschätzung handelt, ohne Zwang Anwendung finden kann. Das
liegt in der Natur der Sache begründet: Herbart leitet die Ethik nicht aus einem
obersten Princip ab, sondern aus einer Reihe nebengeordneter Principien, die ihm
die auf Erfahrung gegründete Reflexion an die Hand giebt. Diese Principien
sind die sogenannten praktischen Ideen oder Wi l l e nsv erh ältniss e. Ein
Willensverhältnis hat aber mindestens zwei Willen zur Voraussetzung. Ist der
Begriff „Willensverhältnis" klar, so ist die Konstruktion der möglichen praktischen
Ideen ein rein logisches Geschäft, wobei in Betracht kommt: 1. der individuelle
Wille, 2. der Wille zweier Personen, und 3. die Komplikation mehrerer Willen.
So ergeben sich die fünf ürsprünglichen und die fünf abgeleiteten Ideen, von denen
nur die Idee der inneren Freiheit und der Vollkommenheit sich auf
das Individuum beschränken, während alle übrigen eine Gemeinschaft zur
Voraussetzung haben und nur auf gesellschaftliche Beziehungen sich an
wenden lassen. Demnach hat die Herbartische Ethik, wenn wir sie nach der Art
ihrer Principien betrachten, einen hervorragend socialen Charakter.
Es ist noch ein anderes Moment in Betracht zu ziehen. Daß die Ethik
Herbarts ohne jede Künstelei in vollkommenen Einklang mit der Sittenlehre Jesu
zu bringen ist, hat O. Flügel in ausreichender Weise nachgewiesen. Nun ist es
aber noch niemand eingefallen zu behaupten, daß die Sittenlehre Jesu zu indi
vidualistisch gefärbt, daß sie also einseitig sei. Das wird niemand behaupten können
und wollen. Der da gesagt hat: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!"
hat eben dadurch seiner Sittenlehre den scharf ausgeprägten socialen Charakter
gegeben. Sollte nun eine Ethik, die sich Stück für Stück in Übereinstimmung
befindet mit dem Christentum, etwa einen antisocialen, oder doch einen die gesell
schaftlichen Verhältnisse zu wenig berücksichtigenden Inhalt haben? Das wäre
unbegreiflich. Selbst die Vertreter der sogenannten geschichtlich-socialen ethischen
Betrachtungs- und Forschungsweise werden den im edelsten Sinne des Wortes
wahrhaft socialen Gehalt der christlichen und auch der Herbartischen Ethik
niemals übertreffen können, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß die er
wähnte Betrachtungsweise und die damit zusammenhängende Anwendung der
Entwicklungstheorie auf die Ethik befruchtende Gedanken erzeugt hat und noch her
vorbringen wird.
3. Der Vorwurf, daß die Ethik Herbarts zu formalistisch sei, d. h. daß
nur der Wille in Betracht komme, die Handlung aber sittlich indifferent
sei, ist offenbar am schwerwiegendsten, weil er sich direkt gegen die Prinzipien
der Hcrbartschen Ethik richtet. Ist dieser Vorwurf begründet, d. h. kommen
außer dem Willen noch andere Momente für die sittliche Beurteilung in Betracht,
umfassen also die sogenannten praktischen Ideen nicht das ganze Gebiet des Sitt
lichen, so muß Herbarts Ethik sehr unvollkommen sein, weil selbst das Fundament
nicht genügend gesichert ist.
Kant sagt: „Nichts in der Welt ist ohne Einschränkung gut als ein guter
Wille." Daraus folgt: Nichts in der Welt ist ohne Einschränkung böse als
ein böser Wille. Daraus folgt weiter: Die Bezeichnungen gut und böse lassen
sich schlechthin nur mit Bezug auf den Willen gebrauchen. Da es sich nun that-

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