Verein für Herbartsche Pädagogik in Rheinland und Westfalen. 359
sächlich in der Ethik allein um diese Censuren handelt, so kann nur der Wille
als Gegenstand in betracht kommen?)
Nun spricht man aber doch von guten und bösen Thaten. Gewiß! Das
erklärt sich daraus, daß wir Wille und That nicht scharf trennen können. Zwischen
Willen und That einen Gegensatz zu konstruieren, ist psychologisch betrachtet nicht
angängig. Der Wille ist nichts weiter als werdende That; die That ist nichts
weiter als der über die Peripherie der Persönlichkeit vordringende Wille. So
selbstverständlich es ist, daß der untergetauchte Kork sich über die Oberfläche des
Wassers erhebt, wenn der Druck der Hand nachläßt, so selbstverständlich ist es,
daß der Wille in That übergeht, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wir haben
uns darum unbewußt daran gewöhnt, bei der guten That den guten Willen
vorauszusetzen. Kommen wir zu der Einsicht, daß der gute Wille fehlt, so werden
wir sofort die That mit anderen Augen besehen, weil wir die That nicht von dem
Thäler zu trennen vermögen. Denen, die sich auf ihre sogenannten guten
Werke berufen: „Haben wir nicht in deinem Namen Teufel allsgetrieben rc."
sagt der Herr: „Weichet von mir ihr Übelthäter!" Warum dieses harte
Urteil? Es hat an der rechten Gesinnung oder, genauer gesagt, am guten
Willen gefehlt.
Wie kommt es aber, daß wir z. B. den ausgeführten Totschlag viel schärfer
beurteilen als etwa die bloße Absicht oder den mißglückten Versuch, einen anderen
zu töten? Es liegt wesentlich daran, daß der ausgeführte Totschlag mit seinen
Folgen wieder eine ganze Reihe von Verhältnissen gewissermaßen greifbar vor die
Seele stellt, daß demnach auch ein unwillkürliches Zusammenwirken von absoluten
Urteilen stattsindet, daß ferner eine außerordentliche Erschütterung und Aufwallung
des Gefühlslebens den Urteilsakt begleitet und ihm eine rücksichtslose Schärfe des
Ausdrucks verleiht.
Dem Anhänger der Herbartischeu Psychologie kann es überhaupt nicht ein
fallen, die Ethik darum als formalistisch zu bezeichnen, weil sie den Willen bezw.
Willensverhältuisse zur Grundlage hat. Der Wille ist nach Herbart ein sekun
därer Seelenzustand, der undenkbar ist ohne Vorstellung; er hat naturgemäß etwas
Gewolltes zur Voraussetzung, er kann also nicht bloße Form sein, sondern er muß
stets einen realen Inhalt haben. Allerdings läßt sich an dem Willen Form und
Inhalt unterscheiden, und die Willensverhältnisse können sowohl die Form als
den Inhalt des Willens zur Voraussetzung haben. Das erstere ist der Fall bei
der Idee der Vollkommenheit, wo nur die Form des Willens, nämlich das Maß
der Seelenaktivität (Quantität) in Betracht kommt. Diese Idee ist also in der
That rein formaler Natur. Bei den oben erwähnten Ideen des Wohlwollens
und der Billigkeit kommt dagegen nur der Inhalt (Qualität) der Willen in
Betracht. Wenn man den eigenen Willen in Einklang bringen will mit dem
fremden Wollen, so muß man doch wissen, bezw. zu wissen glauben, was der
andere will, man muß sich eine Vorstellung machen von dem Inhalte jenes Strebens
und alsdann den Entschluß fassen, dem eigenen Willen dasselbe Ziel zu setzen.
Es kommt also geradezu auf den Inhalt des Willens an. Mit dem Übelwollen
verhält es sich nicht anders. Die Übereinstimmung der Willen ist also gar nicht
denkbar ohne einen Inhalt. Sieht man von diesem Inhalt ab, so bleibt nichts
st Hier wäre eine Berücksichtigung des Sprachgebrauchs erwünscht, der einen Unter
schied macht zwischen gut und böse und gut und schlecht: man spricht kaum von bösen
Sitten, wohl aber von schlechten Sitten. D. Schrift!.
27*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.