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I. Abteilung. Abhandlungen.
andere Umstände. Die Hauptschuld aber trug einmal der tiefe Bildungsstandpunkt
der meisten Familien des Ortes und sodann der Mangel eines gründlichen Ele
mentarunterrichts. Bei der arbeitenden Tagelöhner-Bevölkerung herrschte Stumpf
sinn und Interesselosigkeit. Das Leben dreht sich hier allein um Essen, Trinken,
Arbeit, Wirtshaus und Kartenspiel. Bei den Besitzenden war es vielfach nicht
besser. Nur wenige Familien beschäftigten sich mit ihren Kindern. Die letzteren
kamen deshalb so vorstellungs- und spracharm in die Schule, daß der Unterricht
gar keine Anknüpfungspunkte fand. Das zeigte sich vor allem im Religions
unterrichte, wo die meisten Kinder von Gott und Heiland, von Gebet und Gottes
Wort nie gehört hatten, und im Deutschen, wo weder ein Sprechen noch ein Ver
stehen der hochdeutschen Sprache — wenige Ausnahmen abgerechnet — konstatiert
werden konnte. Im Rechnen war in einzelnen Fällen sogar die Reihe der
Zahlennamen 1—10 nicht bekannt, geschweige die entsprechenden Vorstellungen.
Vorhanden waren nur die Anschauungen, die ohne besondere Mühe beim Um
herlaufen in Hof, Straße und Feld erworben werden konnten und deren Zahl
war gering. Da sich nun Kinder ohne Erfahrungs- und Anschauungskreis nicht
unterrichten lassen, so hätte der Lehrer zunächst die fehlende Grundlage für den
Unterricht schaffen müssen. Allein dazu fehlte überall dieZeit. Selbst
im Religionsunterrichte mit seinen 4 Stunden wäre es unmöglich gewesen, alle
Lücken, die das Elternhaus gelassen hatte, auszufüllen, weil außer den Neulingen
noch viele andre Kinder zu unterrichten waren, und die Hülfe des deutschen Unter
richts fehlte. Bekanntlich soll nach den allgemeinen Bestimmungen ein anschaulich
erteilter Leseunterricht den gesonderten Anschauungsunterricht ersetzen. Da letzterer
nicht erteilt werden darf und ersterer nicht genügt, um auch für Geschichte, Natur-
und Erdkunde die grundlegenden Vorstellungen zu schaffen, so kann die Vor
stellungsarmut der Kinder nicht genügend bekämpft werden. Auch die eigentliche
Sprachbildung leidet, weil die vorhandene Zeit hauptsächlich zum Lesen und
Schreiben benutzt wird. Doch auch diesem konnte der Lehrer bei drei Abteilungen
nur einen Bruchteil der Stunde widmen, so daß es bei den mittelmäßig und
gering begabten Kindern stümperhaft blieb. Überhaupt war es dem Lehrer nicht
möglich, sich dem einzelnen Kinde zu widmen, und so fehlte es denn der Schüler
masse überall an der zum Massenunterrichte nötigen Durchbildung. Die Folgen
davon machten sich nun im gesamten Unterrichte bis zum obersten Jahrgange hin
geltend. Wer wollte da einen Stein auf den Lehrer werfen, der auf so schwan
kendem Grunde kein festgefügtes Gedankengebäude zu errichten vermochte? Wer
wollte ihn verdammen, wenn er, an der Lösung höherer Aufgaben verzweifelnd,
nun durch mechanisches Einprägen des religiösen Memorierstoffes zunächst den revi
dierenden Geistlichen zu befriedigen, und sodann durch Förderung des überall hoch
geschätzten Lesens, Schreibens und Rechnens seinen Ruf als guter Lehrer zu be
wahren suchte? Was hilft es ihm, wenn sich in einigen Köpfen geistiges Leben

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