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TI. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
als ein Streben der Seele zurück. Dieses Streben ist seiner Natur nach stets
dasselbe, weil es unter denselben Bedingungen zu stände kommt. Von Harmonie
und Disharmonie der Strebungen kann, wenn man bloß die formale Seite ins
Auge saßt, nicht die Rede sein.
Bei der Idee der Billigkeit handelt es sich um die absichtliche Zufügung
von Wohl oder Wehe, das dieser Absicht gemäß empfunden wird. Ein Wohl
oder Wehe wird doch niemand als etwas bloß Formales bezeichnen wollen. Wenn
aber die formale Natur dieser Idee daraus gefolgert wird, daß sie sich auf eine
Störung gründet, so ist doch leicht einzusehen, daß die Willen mehrerer Personen
bloß als Form, als Seelenregung gedacht, sich gar nicht stören können, weil sie
in diesem Falle bloß innerliche Akte darstellen, die gar nicht in Beziehung zu treten
vermögen, weil eben das Medium (Wohl oder Wehe) fehlt, ohne welches eine
Handlung, also das Übergreifen eines Willens in die Sphäre einer anderen Per
sönlichkeit, gar nicht denkbar ist. — Übrigens ist nicht bloß die Idee au sich,
sondern auch ihre praktische Weisung in Betracht zu ziehen, also die nicht
zu umgehende Frage: „Wie wird das durch die Störung verursachte Mißfallen
beseitigt?" Diese Frage führt mit Notwendigkeit auf die Vergeltung hin. Daß diese
aber nicht getrennt werden kann von der Materie des Willens, liegt auf der Hand. —
Wenn schließlich noch die formale Natur der Herbartischen Ethik gefolgert
werden soll aus ihrer Einordnung in das Gebiet der Ästhetik, so ist auch da
gegen Widerspruch zu erheben. Hat es wirklich die Ästhetik, wie behauptet wurde,
nur mit Formen zu thun? Das ist wohl noch keine ausgemachte Sache. Nach
Kant hat es die Ästhetik allerdings zu thun mit der Zweckmäßigkeit der
Form, nach Hegel dagegen mit der Idee in der Form begrenzter Er
scheinung. Nach Herbart beschäftigt sich die Ethik im besonderen mit Willens-
Verhältnissen. Die praktischen Ideen oder Willensv erhältnisse haben zur
Voraussetzung: 1. zwei Willen, 2. eine solche Beziehung dieser Willen, daß da
durch ein unwillkürliches Ge- oder Mißfallen hervorgerufen wird. Da nun die
absolute Billigung oder Mißbilligung in den weitaus meisten Fällen von dem
Inhalt der Willen abhängig ist, so ist gewiß, daß die Verhältnisse einen realen
Inhalt haben können und daß sie ihn zumeist wirklich haben. Sollte die
Behauptung aber richtig sein, daß es die Ästhetik nur mit Formen zu thun habe,
so wäre zunächst nur daraus zu folgern, daß die Ethik nicht den richtigen Platz
einnimmt im philosophischen System Herbarts, dann müßte sie ihre Stelle nicht
in sondern neben der Ästhetik finden.
Anmerkung der Schriftleitung: Wir teilen diesen sich nicht streng im Rahmen der
wirklich stattgehabten Diskussion haltenden Bericht gern mit, um den Finger auf einige
Fragen oder Schwierigkeiten der Herbartschen Ethik zu legen, über die noch eine größere
Klärung oder Verständigung herbeigeführt werden müßte. Das Dörpfeldsche Sckulblatt
muß bemüht sein, die Diskussion über die ethischen Grundfragen in Fluß zu erhalten und
immer fruchtbarer zu gestalten. Wenn Dörpfeld mit seinen ethischen Untersuchungen vor
allem darauf zielt, den Eudämonismus zu entwurzeln, so setzen wir seine Arbeit für die
Herbartsche Ethik gedeihlich nur so fort, daß wir uns allen Ernstes und Fleißes mit
der zeitgenössischen eudämonistischen Ethik auseinandersetzen.
Kleine Chronik.
1. Jur SchulauMtsfrage.
Über diesen Gegenstand hielt Professor Dr. W. Rein aus Jena im Mai
1894 einen Vortrag in den Kaisersälen in Halle. Der Vortrag ist jetzt bei

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