Kleine Chronik.
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Die einheitliche Grundlage aber des stolzen, weitverzweigten Gebäudes, das
unser Bildungswesen beherbergt, muß in der allgemeinen Volksschule gesehen
werden. Für alle Kinder des Volkes, stammen sie aus reichen oder armen, aus
vornehmen oder niederen Häusern, soll eine allgemeine Grundschule den gemein
samen Ausgangspunkt bilden, die gemeinsame Wurzel, aus der verschiedene Stämme
sich abzweigen. Diese Grundschule soll die Verkörperung des Gedankens sein,
daß vor Gott alle gleich sind, daß sie einem Volke angehören. Das Gefühl der
Zusammengehörigkeit soll die Zöglinge dann begleiten, wenn auch die einzelnen
später auseinander gehen und in verschiedenen Zweigen arbeiten. Die allgemeine
Volksschule möge dem gesamten Volke sichtbarlich zeigen, daß bei aller Ver
schiedenheit des Vermögens und der Lebensstellung doch das rein Menschliche auch
seine Stätte finden kann und muß. Wo es unterdrückt wird, da schießen leicht
Eitelkeit und Selbstsucht, Stolz und Habgier ins Kraut. Die allgemeine Volks
schule ist ein Mittel, den Gedanken wach zu halten, daß wir alle Kinder eines
Volkes sind, die treu zusammenstehen sollen in Freud und Leid, die einander
tragen und helfen sollen zum Wohle des Ganzen.
Freilich, soll dieser Gedanke fest Wurzel schlagen in den Herzen der Kinder,
so darf die Zeit des gemeinsamen Umgangs, der gemeinsamen Schularbeit nicht
zu kurz bemessen sein. Tiefere Gefühle pflegen doch erst nach längerem Umgang
sich einzunisten und feste Gewohnheiten erst nach längerer Übung zu entstehen.
Deshalb, meinen wir, genügt ein dreijähriger Elementar-Kursus — wie er jetzt
für alle Schulen besteht — nicht, sondern es müßte wenigstens ein fünfjähriger
allgemeiner Kursus eingerichtet werden.
Selbstverständlich ist bei solcher Einrichtung kein Platz mehr für die sogenannten
„Vorschulen". Sie sind im wesentlichen ein Erzeugnis der Eitelkeit und der
Vorurteile vermögender Eltern. Sie wollen ihre Kinder nicht in die Volksschule
schicken, weil sie dort neben dem Kinde des Arbeiters sitzen müßten, von dem sie
nichts Gutes lernen könnten. Die Exklusivität der besitzenden Klasse macht sich
auch iu diesem Punkte bemerkbar. Nun, wir wollen sie nicht zwingen, ihre Kinder
der angeblichen Verderbnis unserer Volksschulen auszusetzen; wir wollen ihnen die
Freiheit zugestehen, ihre Kinder unterrichten zu lassen, wo und wie sie wollen,
aber das wollen wir ihnen nicht ersparen, daß man mit Fingern auf ihre Albernheit
zeigt. Denn noch ist nicht nachgewiesen, daß die Begriffe reich und gut, arm
und schlecht sich decken. Und vielleicht dämmert unter den Besitzenden doch all
mählich auch das Bewußtsein, daß sie den besitzlosen Klassen gegenüber gewisse
Pflichten zu erfüllen haben, und daß zu diesen Pflichten auch dies gehöre, durch
das gesittete Beispiel ihrer Kinder veredelnd einzuwirken auf die minder gut ge
stellten Kinder der unteren Klassen.
Was also Eitelkeit, Vornehmheit, Bequemlichkeit der Eltern gegen die Ein
richtung der allgemeinen Volksschule vorbringt, das kann uns iu keiner Weise
erschüttern. Eher dürfte dies ein Einwand von pädagogischer Seite thun. Man
hat nämlich hervorgehoben, daß die Kinder der verschiedenen Gesellschaftsklassen
bei ihrem Eintritt ins schulpflichtige Alter sehr verschieden in ihrer geistigen Ver
fassung seien, und daß es daher besser wäre, die geistig nahestehenden Kinder zu
sammen zu unterrichten, weil der Unterricht doch an das gegebene Erfahrungs
material bei den Kindern anzuknüpfen habe. Damit glaubt man die Existenz
berechtigung der „Vorschulen" nachgewiesen zu haben.
Weit gefehlt! Aus der angegebenen Thatsache der Verschiedenheit leiten wir

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