Oktober 1895.
I. Abteilung. Abhandlungen.
Aus der Welt des Traumes?)
Von W. Fick in Elberfeld.
Die Betrachtung des Traumlebens führt uns in eine seltsame, zum Teil
höchst wunderbare und rätselhafte Welt. Allerdings kann selbst dem oberfläch
lichen Blicke nicht entgehen, daß zwischen der Traumwelt und der wirklichen Welt
des alltäglichen Lebens eine enge Verbindung und Beziehung besteht. Was am
Tage uns bewegt, unser Sinnen und Denken, unser Fühlen und Wollen, unser
Thun und Treiben, im Traume finden wir es wieder. Und doch welch ge
waltiger Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Traum! Wir legen uns zum
Schlafe nieder mit den Erinnerungen und Stimmungen des Tages. Eine Weile
noch spinnen sich unsre Gedanken in regelrechter Folge fort. Bald jedoch springen
sie ab. Allerlei seltsame, neckende Phantasiegebilde schieben sich dazwischen, unsere
Vorstellungen laufen haltlos und verworren durcheinander. Nun noch ein paar
Augenblicke, und die ganze gewohnte Welt ist wie hinter einem unsichtbaren Vor
hänge verschwunden. Der Schlaf breitet seine bleiernen Fittiche über uns aus
und versenkt uns in einen Zustand völliger Bewußtlosigkeit. Aber dieser Zustand
dauert nicht lange. Bald fängt die Seele an, sich von dem auf ihr lastenden
Drucke zu befreien. Mit der allmählich weichenden Schlafempfindung beginnt sie
ihre bis dahin gebundenen Schwingen zu neuem Fluge zu entfalten. Noch hat
sie die Gewalt über ihren Leib nicht wiedererlangt, noch ist ihr Verkehr mit der
Außenwelt nicht wieder hergestellt, noch sind ihre höheren Kräfte, Verstand und
Wille, gebunden, — da baut sie aus ihrem eignen Innern eine Welt sich auf,
die oft so neu, so seltsam, so eigenartig ist, daß sie mit der wirklichen Welt
scheinbar nichts gemein hat und wir oft in eine ganz andre Lebensgeschichte uns
hineinversetzt glauben. Erst das Erwachen macht dem bunten, wechselvollen Spiel
ein Ende und bringt uns zurück in den festgefügten Gedankenkreis des gewohnten
Lebens.
Ehe wir nun darangehen, für die zum Teil rätselhaften Vorgänge eine Er
klärung zu suchen, ist es nötig, daß wir in kurzen Zügeu die Haupteigentümlich
keiten des Traumlebens, wie sie jeder aus seinen eignen Träumen kennt, uns
vergegenwärtigen.
x ) Nach einem Vortrag vor einem gemischten Publikum.
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