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I. Abteilung. Abhandlungen.
I.
Die zunächst und am meisten in die Äugen fallende Eigentümlichkeit des
Traumes^besteht wohl in der Täuschung, die uns die ganze unsrer Phantasie
entsprungene und darum subj ektive Welt als objektive Wirklichkeit vor
spiegelt. Der Träumende weiß bekanntlich nicht, daß er träumt; er glaubt zu
wachen und zwar ganz in demselben Sinne, wie er auch am Tage zu wachen
behauptet, und die aus seinem Innern aufsteigenden Phantasiegebilde haben für
ihn, solange der Traum dauert, dieselbe handgreifliche Wirklichkeit wie die Dinge
und Ereignisse des wachen Tageslebens. Auch im wachen Zustande können wir
uns die verschiedensten Bilder vor die Seele rufen. Wenn wir eine Reise ge
macht haben, sind wir imstande, mit mehr oder weniger Lebhaftigkeit die durch
wanderten Gegenden noch einmal an unserm Geiste vorüberziehen zu lassen. Wir
können uns das Zusammentreffen mit einem lange abwesenden Freunde aus
malen : Wir denken uns, daß er jetzt so oder so aussieht; wir gehen auf ihn
zu und schütteln ihm die Hand; er erzählt uns von seinen Erlebnissen u. s. w.
Aber dabei haben wir stets das Bewußtsein, daß es eben nur Bilder unsrer
Phantasie sind, Bilder, die im Vergleich zur Wirklichkeit matt und abgeblaßt
und ohne eigentliches Leben erscheinen. Anders ist es im Traum. Hier treten
die Bilder mit voller sinnlicher Frische und Lebendigkeit auf, so daß sie von wirk
lichen Wahrnehmungen gar nicht unterschieden werden können. Erst das Erwachen
macht der Täuschung, der wir im Traume verfallen, ein Ende und belehrt uns,
daß wir in einer erdichteten Welt uns befanden. Wir stellen unsre Traum
erlebnisse den wirklichen Zuständen gegenüber, und erst durch diese Vergleichung
erscheint uns der Traum als Traum.
Eine zweite Eigentümlichkeit des Traumlebens besteht in der Verworren
heit, Zusammenhanglosigkeit und Abenteuerlichkeit, die uns in
den meisten Träumen entgegentritt. Allerdings giebt es auch Träume, in denen
es ganz vernünftig zugeht; aber diese Vernünftigkeit ist nicht Regel, sondern
Ausnahme. Es giebt nur wenige Träume, denen nicht irgend etwas Seltsames
und Wunderliches beigemischt ist, das mit der täglichen Lebenserfahrung im
Widerspruche steht, und nicht selten erreicht die Verworrenheit einen Grad, daß
es dem wachen Denken geradezu unmöglich wird, die wunderlich verschlungenen
Fäden auch nur einigermaßen zu entwirren. Dem Traume fehlt jeder objektive,
verständige Zusammenhalt. Die ganze vernünftige Ordnung der Körper- und
Geisteswelt erscheint wie aufgehoben. Was im Leben eng zusammengehört, das
reißt der Traum auseinander, und was uns in der Wirklichkeit des Lebens in
scharfer Sonderung entgegentritt, das bringt er in die engste Verbindung und
schiebt er in wunderlicher Weise durcheinander. Es giebt im Traume weder eine
physische, noch eine logische Unmöglichkeit. Und was das Merkwürdigste dabei
ist, das alles erscheint uns so natürlich und selbstverständlich, daß wir uns gar

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