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I. Abteilung. Abhandlungen.
kurzen Begrüßung durch den Gefangenenwärter in Schlaf. In einem aus Wahr
heit und Dichtung zusammengesetzten Traume durchläuft er noch einmal seine
ganze Lebensgeschichte mit allen Avancements vom Unterlieutenant bis zum
Kommandierenden hinauf. Schließlich trifft er in einem Feldzuge die Vor
bereitungen zur Entscheidungsschlacht. Der Kampf beginnt, er läßt seine Truppen
verschiedene Bewegungen ausführen — da sieht und hört er, wie mitten im Ge
fecht in der feindlichen Linie ein Pulverkarren in die Luft fliegt. Der Knall
weckt ihn: der Gefängniswärter, der noch vor zwei Minuten ihm sein Bon soir,
monsieur! zugerufen, hatte soeben die äußere Thür des Gefängnisses ins Schloß
geworfen. Statt weiterer Beispiele sei noch auf eine Erfahrung hingewiesen, die
sicherlich die meisten Leser schon gemacht haben. Wir erwachen am Morgen durch
die Schläge der Weckuhr, schlafen aber gleich darauf wieder ein. Nach einigen
Minuten ertönt der Wecker aufs neue, und diese Minuten reichen oft hin, einen
Traum zu durchleben, der nach unsrer Erinnerung viele Stunden gedauert haben
muß; daher denn auch das mitunter plötzliche Auffahren/ weil wir glauben,
uns verschlafen zu haben.
II.
Man braucht sich nicht zu wundern, daß das Seltsame und Wunderbare
und auf den ersten Blick Unbegreifliche und Rätselhafte des Traumlebens von jeher
Anlaß zu mystischer Deutung gegeben hat, die auch jetzt noch ihre Vertreter findet.
Man hat vielfach das Traumleben als ein höheres, erhabeneres dem Wachleben
der Seele gegenübergestellt und nicht selten Einwirkungen einer höheren, übersinn
lichen Welt darin gesucht. Diese Auffassung wird noch bestärkt durch eine Reihe
von eigenartigen Thatsachen, auf die wir nachher zu sprechen kommen, in denen
die träumende Seele mit prophetischem Blicke begabt erscheint. Bei dem Hange
des Menschen zum Übernatürlichen und Wunderbaren kann es darum gar nicht
auffallend sein, daß die Forschung bei der Betrachtung des Traumlebens leicht auf
Abwege gerät und mitunter den Boden unter den Füßen ganz verliert. Splitt
gerber lehrt in Übereinstimmung mit I. H. Fichte, daß die Seele im Schlafe
über Zeit und Raum erhaben sei. Sie ziehe sich während des Schlafes von
dem Leben und Treiben der Außenwelt, ja selbst von ihrem eignen leiblichen
Organismus zurück, um sich in die verborgenen Tiefen ihres inneren Lebens zu
versenken, und sie verrichte dann nicht selten die zusammengesetztesten und schwierig
sten Geschäfte, die ohne die Annahme einer inneren Steigerung unseres geistigen
Vermögens gar nicht zu verstehen seien. Der gemütvolle Naturforscher G. H.
v. Schubert meint, im Schlafe falle der Leib der äußeren Körperwelt anheim
und werde wieder zum Staube, aus dem er geboren sei, die Seele dagegen sei
den jenseitigen Regionen näher, aus denen sie ihren Ursprung genommen habe.
„Mit ihr walten und spielen während der Nacht des Leibes die Lichter und

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