Aus der Welt des Traumes. 369
Kräfte eines fernen Sternenhimmels, und die Seele läßt jene mit sich walten
und spielen wie das seines künftigen Leibes noch nicht mächtige Ungeborene die
Lebenskräfte der Mutter, in deren Schoße es ruht." Der Theologe I. P.
Lange glaubt fest an die Realität der Traumbilder. „Wir schließen abends
diesseits die Augen, um sie während der Nacht im Schoße des Alls, ja im
Schoße Gottes selbst zu öffnen." Hegel lehrt, daß sich während des Schlafes
der Genius des Menschen voller und freier entfalte, und Fort läge versteigt
sich sogar zu dem Ausspruche: „Nur insofern wir schlafen, leben wir; sobald
wir erwachen, fangen wir an zu sterben."
Mit diesem Kultus des Schlaf- und Traumlebens steht die Thatsache im
Widerspruch, daß in der überwiegenden Mehrheit der Träume von einer Er
habenheit der Seele wenig oder nichts zu spüren ist, vielmehr das Gegenteil.
Schöne und erhebende Träume, vollends aber solche, in denen das Seelenleben
gesteigert erscheint, gehören zu den Ausnahmen. Der vorherrschende Charakter
des Traumlebens ist eine Verwirrung und Verzerrung aller liatürlichen Verhält
nisse, eine oft recht häßliche Fratze des wirklichen Lebens. Der nüchtern Denkende
wird darum, ehe er zu einem mystischen Hintergründe des Seelenlebens seine
Zustucht nimmt, versuchen, ob nicht das mancherlei Wunderbare und Rätselhafte
der Traumbildungen sich auf natürliche Weise erklären lasse. Eine Erscheinung
erklären heißt aber nichts anderes, als sie auf bekannte Vorgänge zurück
führen, heißt nachweisen, daß in ihr dieselben Gesetze Geltung haben, die auch
bei den bekannten Erscheinungen obwalten. In unserm Falle wird es sich also
darum handeln, den Nachweis zu erbringen, daß der Traum keine Ausnahme
stellung im Seelenleben einnimmt, daß er vielmehr auf derselben Grundlage ruht,
auf der die Erscheinungen des wachen Bewußtseins stehen, daß in ihm dieselben
Gesetze wirksam sind, die für die Vorgänge des wachen Tageslebens als Er
klärungsgründe gelten, und daß die Abweichungen des Traumlebens vom Tages
leben nur den veränderten Bedingungen zuzuschreiben sind, unter denen es sich
entfaltet. Es soll nun im folgenden versucht werden, soweit das in dem Rahmen
einer kurzen Abhandlung möglich ist, die Beziehungen und Zusammenhänge des
Wach- und Traumlebens und die Gründe für die Abweichungen beider vonein
ander aufzudecken. Es wird sich dabei zeigen, daß die meisten Vorgänge des
Traumlebens nicht wunderbarer und unbegreiflicher sind, als alle übrigen Er
scheinungen des Seelenlebens.
III.
Wie kommt es, so fragen wir zunächst, daß die Traumbilder, die doch nur
Erzeugnisse unsrer Phantasie sind, mit dem Scheine wirklicher Wahrnehmungen
auftreten? Wenn wir uns im wachen Zustande die Vorstellung des Kölner
Domes vor die Seele rufen, so sind wir keinen Augenblick im Zweifel darüber,

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