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I. Abteilung. Abhandlungen.
ob wir den Dom wirklich sehen, oder ob wir es nur mit einem Erinnerungs-
bilve zu thun haben. Schon die Umgebung, die fortwährend auf unsre Sinne
einwirkt, läßt eine Täuschung darüber gar nicht aufkommen; sie mahnt uns un
aufhörlich, daß wir ja nicht in Köln, sondern in unserm Zimmer uns befinden.
Zudem ist die erinnerte Vorstellung im Vergleich zu der wirklichen Wahrnehmung
schwach, abgeblaßt, verschwommen und mehr oder minder lückenhaft. Dasselbe
gilt natürlich auch von den Phantasiebildern, die sich von den Erinnerungsbildern
nur dadurch unterscheiden, daß sie aus Bestandteilen verschiedener früherer Wahr
nehmungen sich zusammensetzen, während diese frühere Vorstellungen einfach wieder
holen. Indessen fehlt es nicht an Beispielen, daß Erinnerungs- und Phantasie
bilder einen Grad von Lebhaftigkeit annehmen, daß sie der sinnlichen Wahr
nehmung fast oder ganz gleichkommen. Man spricht dann von Hallucinationen.
Ein namhafter französischer Porträtmaler war imstande, die Bilder von Personen,
die ihm nur einmal gesessen halten, aus der Erinnerung vollständig treu zu
malen. Er konnte sich die Gestalten der zu Malenden mit solcher Lebhaftigkeit
vorstellen, daß er sie wirklich vor sich zu sehen glaubte. Am häufigsten kommen
Hallucinationen in gewissen krankhaften Zuständen vor, wie im Fieberdelirium
und im Wahnsinne, doch finden sie sich mitunter auch bei völlig gesunden Per
sonen, namentlich in affektiven Zuständen, bei gespannter Erwartung, bei Furcht
und Schrecken. Der Halluzination sehr nahe kommt jener Zustand, den wir bald
als Geistesvertiesung, bald als Geistesabwesenheit, nämlich Abwesenheit
von der umgebenden Welt, zu bezeichnen pflegen. Wer sich energisch in eine
Sache vertieft, für den schwindet die äußere Welt, während seine Gedankenwelt
sich zur plastischen Anschaulichkeit gestaltet. So kann es geschehen, daß, wenn
alte, uns teure Erinnerungen unsern Geist gefangen nehmen, wir alles um uns
her vergessen. Die Bilder vergangener Tage steigen in voller Leibhaftigkeit vor
unserm geistigen Auge auf, und wenn endlich unliebsame Störungen uns an die
harte Wirklichkeit gemahnen, so haben wir ganz das Gefühl, als ob wir plötzlich
einer andern Welt entrückt worden seien. Hier haben wir eine dem Traume
ganz ähnliche Erscheinung, ein Träumen bei offenen Augen. Und nun blicke
man hin auf den Schlafenden. Seine Augen sind geschlossen; die Sinne haben
ihren Dienst eingestellt oder verrichten ihn nur halb; das Selbstbewußtsein ist
aufgehoben; er weiß nichts von dem, was um ihn her vorgeht. Nun steigen
Bilder, Vorstellungen in ihm auf. Keine Sinneswahrnehmung von außen wirkt
störend auf sie ein; der Schlafende ist nicht imstande, diese Bilder mit den Dingen
seiner Umgebung, von denen er ja nichts weiß, zu vergleichen; auch der prüfende
Verstand fehlt. Ist es da zu verwundern, daß er, was seine Phantasie ihm vor
spiegelt, für wirkliche Dinge, für wirkliche, außer ihm sich vollziehende Ereig
nisse hält?
Auch die Abenteuerlichkeit und Zusammenhanglosigkeit der Traumerlebnisse

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