Aus der Welt des Traumes.
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läßt sich leicht erklären. Es muß da zunächst auf die Thatsache hingewiesen wer
den, daß der Traum nichts eigentlich Neues bietet. Kein Blindgeborener hat
jemals von Farben geträumt, kein Taubgeborener jemals im Traume Musik ge
hört. Alle Traumbilder, alle Traumerlebnisse sind aus Elementen der wirklichen
Welt zusammengesetzt; ihre Originalität besteht lediglich in der eigenartigen Zu
sammensetzung dieser Elemente.
Dieselbe Thätigkeit nun, die im Schlafe uns die Traumbilder vorspiegelt,
die Phantasie, ist in gleicher Weise auch am Tage geschäftig; aber sie steht hier
unter der Herrschaft des Verstandes. Der Verstand hält von den Phantasie
gebilden alles fern, was den Verhältnissen der Wirklichkeit zu sehr widerstreitet;
er regelt die Zusammensetzung der Vorstellungen durch die Beziehung auf einen
bestimmten Zweck. Wo der Verstand die Zügel nachläßt, da entstehen auch bei
wachem Bewußtsein dieselben wunderlichen Gebilde, die der Traum uns vor
gaukelt, nur daß sie uns weniger lebhaft erscheinen, weil ihnen aus den schon
erörterten Gründen die sinnliche Frische fehlt. Wer mehr von den Eingebungen
der Phantasie, als vom nüchternen Denken sich leiten läßt, der gerät mit der
Zeit in eine erdichtete Welt hinein und verlernt, mit den Verhältnissen der wirk
lichen Welt zu rechnen; er wird zum Phantasten, zum Träumer. Im Schlafe
nun tritt der Verstand ganz zurück; darum wird die Freiheit der Phantasie zur
Zügellosigkeit.
Auch der unaufhörliche Scenenwechsel des Traumes wird uns durch Vor
gänge aus dem Tagesleben begreiflich. Man erinnere sich, wie oft man im
Fortgange eines Gesprächs auf Dinge kommt, die mit dem anfänglichen Inhalte
desselben scheinbar nicht die geringste Beziehung haben. Und doch besteht eine
solche Verbindung, und bei einigem Besinnen sind wir meist imstande, den Weg
noch einmal zu durchlaufen, der uns so weit abseits führte. Statt bei der Stange
zu bleiben, gingen wir auf Nebendinge ein, die uns gerade einfielen; von diesen
sprangen wir wieder ab und gerieten so, wie man zu sagen pflegt, vom Hundert
sten ins Tausendste. Dasselbe können wir an uns beobachten, wenn wir etwa
in der Dämmerstunde unsern Verstand einmal Verstand sein lassen und uns dem
freien Spiel der Gedanken überlassen, gleichsam den Zuschauer dabei abgeben.
In unaufhörlichem Wechsel verdrängt ein Gedanke den andern, ein Bild das
andere, ohne daß uns der Zusammenhang der Reihe dabei zum Bewußtsein
kommt. Ein interessantes Beispiel solchen Wachträumens erzählt Dr. Schwartz-
kopff. Er schreibt: „Ich las neulich im elften Buche der Odyssee und begleitete
den vielverschlagenen Odysseus auf seiner Fahrt in die Unterwelt. Wir kamen
zur Asphodillwiese, wo sich die Schatten der Helden aufhalten. Hier aber be
gann ich, wie man so bezeichnend sagt, zu träumen, d. h. ich überließ mich dem
unwillkürlichen Laufe meiner Gedanken, die eine kleine Abschweifung machten. Da
nämlich der Asphodill eine lilienartige Pflanze ist, so dachte ich, durch den Namen

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