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I. Abteilung. Abhandlungen.
bewogen, an die Wasserlilie, obwohl diese keine eigentliche Lilie ist. Der Gedanke
an die Wasserlilie aber rief mir ein früheres Erlebnis in die Erinnerung zurück,
worin jene für mich eine Rolle gespielt hatte. Ich sah einst ein sehr schönes
Exemplar in einem kleinen See. Ich suchte sie zu pflücken, aber es gelang mir
nicht. Doch wurde sie mir später durch die Güte des Besitzers zu meiner Freude
zugestellt. An dessen mir bekannte Familie und ihre verschiedenen Glieder mußte
ich nun denken. Ein Glied derselben war mir in letzter Zeit in einem vertrauten
Wernigeroder Hause begegnet. So erinnerte ich mich des Ortes dieser Begegnung
und war schnell und billig aus dem Hades in mein Heimatstädtchen zurückgekehrt."
Das Beispiel zeigt, wie alle unsre Gedanken wie mit unsichtbaren Fäden anein
ander geknüpft sind. Eine Vorstellung leitet unmerklich auf die andre über und
zaubert mit ihr zugleich eine ganz neue Scenerie vor unser geistiges Auge, die
sofort wieder einer andern Platz macht. Was wir hier im wachen Zustande
jederzeit an uns beobachten können, das und nichts anderes geschieht auch im
Traume, nur erscheint uns der Wechsel naturgemäß noch viel drastischer, weil die
Traumbilder der Beeinflussung des Verstandes gänzlich entzogen sind und als
vollsinnliche Erlebnisse sich uns darstellen.
Wie steht es nun mit der Schnelligkeit der Traumerlebnisse? Haben wir
es hier nicht doch mit einer wirklichen Steigerung des Seelenlebens zu thun?
Es scheint so, und doch handelt es sich auch hier um eine leicht aufzudeckende
Täuschung. Man d^enke sich folgenden Fall. Jemand wird des Morgens aus
dem Schlafe geweckt, schläft aber sofort wieder ein. Er macht nun im Traume
eine lange Reise, die in Wirklichkeit vielleicht mehrere Tage in Anspruch nehmen
würde. Nach einigen Minuten wacht er wieder auf und ist nun natürlich er
staunt über die Menge der Ereignisse, die er in so kurzer Zeit im Traume
durchlebt hat. In Wahrheit aber waren es doch nicht Begebenheiten, die mit
solcher Geschwindigkeit auseinander folgten, sondern nur die lebhaften Bilder und
Vorstellungen jener Begebenheiten. Was hier im Traume geschieht und uns so
wunderbar vorkommt, das machen wir im wachen Zustande unzähligemal. In
wenigen Minuten können wir eine lauge Reise, von der wir soeben zurückgekehrt
sind, in Gedanken noch einmal wiederholen; ganze Landschaften stehen wie mit
einem Schlage vor unserm geistigen Auge, und mit Blitzesschnelle fliegt unser
Geist von einem Bilde zum andern hinüber. Gleichwohl finden wir nichts Merk
würdiges darin, weil wir uns stets dessen bewußt sind, daß wir es nur mit
Bildern und Vorstellungen, nicht mit wirklichen Dingen und Begebenheiten zu
thun haben. Der Traum dagegen zwingt uns durch die sinnenfrische Anschaulich
keit seiner Bilder den Glauben an deren Wirklichkeit ab, und diese Täuschung
bewirkt es, daß wir auch nachher in der Erinnerung die Traumvorgänge mit den
wirklichen Erlebnissen auf eine Stufe stellen und unbewußt die Zeitverhältnisse
dieser auf jene übertragen.

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