Aus der Welt des Traumes.
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Sodann ist zu beachten, daß uns während des Traumes jedes objektive
Zeitmaß fehlt. In der Erinnerung aber schätzen wir einen Zeitraum nach der
Zahl der Ereignisse, die er umschließt. Ein ereignisloser Tag schrumpft in der
Erinnerung auf nichts zusammen, eine an wechselnden Eindrücken reiche Stunde
scheint uns viel länger gedauert zu haben. Da nun im Traume die Vorstellungen
unaufhörlich bunt durcheinander wirbeln, im raschen Scenenwechsel ein Bild das
andere verdrängt, so bekommt er dadurch in der Erinnerung den Schein einer
ungewöhnlich langen Dauer, und diese verkehrte subjektive Schätzung führt nun,
wenn der Irrtum erkannt wird, umgekehrt wieder dazu, die Schnelligkeit der
Traumerlebnisse für größer anzunehmen, als sie in Wirklichkeit ist.
Diese Andeutungen dürften genügen, übertriebene Vorstellungen von der
Schnelligkeit der Traumerlebnisse auf das rechte Maß zurückzuführen. Indessen
schließt das nicht aus, daß im Traume unter Umständen auch eine wirkliche
Steigerung des Gedankenverlaufs stattfinden kann, und die früher angeführten
Beispiele machen das wahrscheinlich. Aber auch hier können wir auf analoge
Fälle aus dem Tagesleben verweisen. Während z. B. im Zustande der Langen
weile die Vorstellungen stocken und nicht vom Flecke wollen, steigert sich ihr Ab
lauf in manchen affektiven Zuständen zur förmlichen Jdeenstucht. „Werden wir
z. B. von einem Spaßvogel unerwartet von hinten an der Gurgel gepackt, so
findet unsre plötzlich erschreckte Seele vielleicht in zwei Sekunden Zeit genug,
nicht nur unwillkürlich ein bestimmtes Ereignis als Ursache zu vermuten, sondern
dasselbe auch mehr oder weniger auszumalen. Wir sehen den Angreifer oder
die angreifende Bestie heimlich aus dem Hinterhalt hervorbrechen, auf uns zu
stürzen und uns in den schreckhaften Zustand versetzen. Man denke sich dies von
der Traumphantasie verleiblicht, und der Verfolgungstraum ist da" (Schwartz-
kopff). Verschiedene Personen, die dem Tode des Ertrinkens nahe waren, haben
übereinstimmend ausgesagt, daß sie in einem Augenblicke ihr ganzes Leben mit
allen seinen geringfügigsten Einzelheiten vor sich zu sehen geglaubt hätten. Es
ist ferner allbekannt, daß der Genuß mancher geistiger Getränke, namentlich des
Weins, den Gedankenlauf beflügelt. Ihren höchsten Grad scheint die Schnellig
keit der Vorstellungen im Äther- und Opiumrausch zu erreichen. Der Engländer
Quincey, der lange Zeit dem Opiumgenuß ergeben war, sich aber später von
seiner Leidenschaft frei machte, erzählt in seinen „Bekenntnissen eines Opium
essers", es sei ihm oft vorgekommen, als hätte er in einer Nacht sechzig oder
hundert Jahre gelebt. Allerdings spielt auch in allen diesen Zuständen die vor
hin erörterte Selbsttäuschung eine Rolle, aber auch wenn man diese in Abzug
bringt, bleibt immer noch eine Schnelligkeit der seelischen Vorgänge übrig, die
den gewöhnlichen Gedankenlauf bei weitem übertrifft. Das ist z. B. auch in
den Fieberdelirien der Fall, „wo die Ideen in solcher Menge, mit solcher Schnellig
keit und in so raschem Wechsel zuströmen, einander jagen und treiben, daß die

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